20 September, 2019, 16:08

Silvester 2048 – Wie wir in der Zukunft feiern

Wie würde Silvester 2048 aussehen? Würden wir anders feiern? Gäbe es noch Feuerwerk? Haben die Menschen dazugelernt, Verschmutzendes eliminiert, nachhaltige Alternativen? Wir haben für euch eine kleine Utopie. Oder ist es eher eine Dystopie?

Smart Home regelt alles

Silvester 2048. Im vollautomatisierten Kühlschrank warten schon die Einkäufe für den Abend. Das Display zeigt die vollständig besorgte Einkaufsliste an. Die Getränke sind auf die perfekte Temperatur gekühlt. Es steht eine 20er-Jahre-Mottoparty für den Abend an. Wie war das 2020 noch? Hipster-Schnurrbart, große Hornbrille, schwarze Sneaker mit fettem Logo-Print und schwarze Kleidung Ton in Ton. Wie langweilig! Keine leuchtenden Statement-Pullis, wie es jetzt Trend ist. ‚The Future is dead‘ auf vollkompostierbaren Tencel-Pullovern hängt, in kleinen LED-Röhren blinkend, im Schrank. Heute ist fürs Erste mal wieder der Vintage-Baumwollpullover angesagt. Baumwolle gibt es schon lange nicht mehr auf die alte Art und Weise. Die meisten Farmer*innen gingen pleite. Die Böden kaputt. Die große Landwirtschaftskrise ist noch nicht allzu lange her.

Gedankenversunken werden die letzten Dinge für den Abend erledigt. Das voll automatisierte Raclette, das per Sprachsteuerung bedient wird, steht schon auf dem Tisch. Genau wie die kompostierbaren Einwegbecher, die innerhalb von vier Wochen wieder zu Erde werden. Der kabellose, smarte Bluetooth-Lautsprecher mit fettem Bass steht schon bereit. Die Box ist außerdem direkt Party-Beleuchtung für später und blinkt zum Takt der Musik. Natürlich wird sie mit Google Assistant gesteuert. (keine allzu ferne Vorstellung, denn solche Boxen gibt es tatsächlich schon, zum Beispiel wie diese von Sony).

© Sony

Zurück in die Zukunft

Irgendwann am frühen Abend trudeln die ersten Gäste ein. Reguläre Klingeln gibt es schon lange nicht mehr. Alle haben einen Türcode, der sich immer wieder updatet und den eingeladenen Gästen auf die Smartphones geschickt wird. „Unlock My Door“ hat den klassischen Haustürschlüssel ersetzt. Gut gelaunt strömen die Partygäste in die Wohnung. Alle sehen aus wie vor knapp 30 Jahren. Im Zimmer läuft Trap. Die Getränke werden gut geleert. Und die ersten Raclettepfännchen werden befüllt. Kuhmilchkäse kennt hier niemand mehr. Veganer Käse, der auch wieder so heißen darf, landet in den kleinen Pfännchen. Das Siri-Raclette reagiert auf „Raclette aufheizen“ und „Raclette pausieren“. Außerdem blinken die einzelnen Pfännchen auf, wenn sich der Käse perfekt verteilt und alles eine gute Temperatur erreicht hat. Über den Bluetooth-Lautsprecher werden die fertigen Pfännchen ausgerufen.

Fred, der Hausroboter, fährt in regelmäßigen Abständen durch die Wohnung. Versorgt die Tanzenden mit Getränken. Reicht auf Anweisung Nüsse und Salzstangen. Die Getränke leeren sich schneller als erwartet. Zur heutigen Motto-Party ist vor allem Craft-Beer angesagt. Nur mit Mühe und Not hat man noch ein paar wilde Exemplare aus den 20ern bekommen. Nach den ersten Stunden die Ernüchterung, der Kühlschrank meldete fehlende Biere in der Getränkeabeteilung. Über das Display lässt sich die Notification ignorieren oder direkt das autonome Biertaxi bestellen. Klarer Fall für heute, das Biertaxi wird per Touchscreen sofort informiert. Zwei Kästen Nachschub. Nur 15 Minuten später biegt das autonom fahrende Elektrofahrzeug in die Straße ein und signalisiert über die audiovisuelle Gegensprechanlage, dass die Lieferung angekommen ist. Die Kisten werden entladen und direkt in die entsprechende Wohnung getragen. Gezahlt wird Karten- und Bargeldlos per Smartphone. Längst gibt es nur noch digitale Banken.

Countdown in eine neue Zeit

Nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. Die Partygäste statten sich mit den eigens mitgebrachten VR-Brillen aus. Feuerwerke sind für Privatpersonen schon lange verboten. Zu viel Verschmutzung und die ständige Gefahr von Bränden hat die Politik gezwungen härtere Maßnahmen zu ergreifen. Schon einige Jahre gibt es nur noch zentrale Feuerwerke in den Hauptstädten, die alle mit ihrer VR-Brille mitverfolgen können. Die Leute begeben sich nach draußen, wo bereits andere Bewohner*innen der Straße mit ihren VR-Brillen in den Himmel starren.

An der Brille lassen sich verschiedene Modi auswählen. Berlin, Tokio oder Moskau? Egal, welches Feuerwerk man sehen möchte, alle lassen sich in 360 Grad live mitverfolgen. Um Punkt 24 Uhr ist es dann soweit, die meisten Menschen schauen mit VR-Brille staunend in den Himmel und verfolgen jeweils ihr ausgewähltes Feuerwerk. Andere andere haben eigene Drohnen dabei, die weit über den Dächern der Stadt ein Leuchtspektakel in den Horizont malen. Pro Straße sind nur sieben Drohnen erlaubt. Die Lizenzen werden immer am 01. Dezember vergeben und sind heiß begehrt. Es wird gelost, wer in diesem Jahr das Glück hat. Auch unter den Partygästen befindet sich eine/r der Glücklichen und so werden die VR-Brillen, die per Augmented Reality ein wunderschönes Feuerwerk in den Himmel projiziert haben, nach ca. 15 Minuten wieder abgesetzt, um dem eigenen Drohnen-Spektakel vor der Haustür zu folgen.

© Samuel Zeller

Die Silvester-Nachrichten werden schon längst über das neue Soziale Netzwerk „Follow“ geteilt. Dort erreicht der Neujahrs-Gruß genau die Menschen, die regelmäßig mit dir in Kontakt stehen. Alle anderen werden ausgeblendet. Überlastete Mobilfunknetze sind Schnee von gestern. Kaum jemand nutzt diese noch. Alles erfolgt digital. Noch schnell ein paar Oldschool-Polaroids schießen. Aber auch hier wurde nachgebessert. Es gibt zwar immer noch Polaroid-Fotos, aber diese werden direkt auch digital abgespeichert und an das jeweilige Smartphone verschickt. „Follow“ wird geflutet mit Partybildern. Die anderen landen ganz klassisch am smarten Kühlschrank.

Einige Zeit und Drinks später finden sich ein paar der Partygäste in einem Club wieder. Aber genug Krach für heute. Silent Diskos haben sowieso schon längst die Stadt erobert. Hier kann man reden und gleichzeitig tanzen. Die Getränke werden in leuchtenden Gläsern serviert. Alle liegen sich in den Armen und können 2049 kaum erwarten. Was wird wohl im nächsten Jahr optimiert?

Titelbild: © Julie Tupas

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