15 December, 2018, 06:46

Shareconomy: Mobilität teilen

Aus unserem Alltag ist die Sharing Economy kaum noch wegzudenken. Wir teilen vieles, wenn auch manches davon unbemerkt. Denn längst ist Teilen nicht mehr nur denen vorbehalten, die gerne etwas abgeben oder ökologisch sinnvoll agieren möchten, sondern auch denen, die davon profitieren wollen. Und so begegnen wir im 21. Jahrhundert nicht mehr nur Gönnern, sondern auch gewieften Geschäftsleuten, die das Prinzip des Teilens wirtschaftlich für sich entdeckt haben.

Das Teilen von Unterkünften, Dateien, Musik, Autos, Haushaltsgeräten aber auch anderen Produkten und Dienstleistungen ist zu einem unverzichtbaren Teil des digitalen Lebensstils vieler Menschen geworden. Laut einer PwC-Studie nutzten 39% aller Deutschen 2017 Sharing Economy. Damit verdrängt die Wirtschaft des Teilens zunehmend den eigenen, unverzichtbaren Besitz, den die Wirtschaftssysteme uns bis dahin einbläuten.

Ohne die Technik, wie wir sie heute kennen, wäre dieser rasante Erfolg der letzten Jahre sicherlich nicht möglich gewesen und so blicken wir auf die uns bekannten Sharing Modelle vor allem aus digitaler Sicht. Wir fragen uns, wie sieht die Zukunft des Teilens aus. Werden womöglich die durchaus vorhandenen nachhaltigen Aspekte überwiegen und mit den wirtschaftlichen Beweggründen einhergehen können? Werden wir aufgrund von Ressourcenknappheit immer mehr teilen? Wo stehen wir Ende 2018? Was bewegt uns?

Ein Oldie der Sharing Economy: Carsharing

Was uns im wahrsten Sinne des Wortes bewegt, sind die zahlreichen Carsharing-Angebote, die es bereits seit etlichen Jahren auf dem deutschen Markt gibt. Zu den klassischen Betreibern von so genanntem stationsbasiertem Carsharing sind in den letzten Jahren einige Anbieter hinzugekommen, die Carsharing ins 21. Jahrhundert katapultiert haben. So können wir heutzutage frei wählen, ob wir lieber eine feste Station vor der Haustür nutzen wollen und dafür pro Stunde und Tag wesentlich weniger zahlen. Oder ob wir flexibel bleiben wollen und Free Floating Angebote unseren Alltag einfacher machen, indem wir jederzeit von A nach B fahren können und das gewählte Fahrzeug an unserem Zielort stehen lassen können. Dabei steuern wir unsere Fahrten eigentlich nur noch über das Smartphone, haben Apps und keine Kundenkarten mehr. Wir bekommen unsere Rechnungen per E-Mail und melden Schäden per Klick. Vieles ist dadurch in den letzten Jahren einfacher geworden.

Trotz zahlreicher Anbieter ist Berlin nicht in den Top 10 der höchst frequentiertesten Carsharing-Städte. © Bundesverband CarSharing e.V.

Und dennoch nutzen laut dem Bundesverband CarSharing nur 2 Millionen Menschen in Deutschland diese Art der Fortbewegung wohingegen auf fast Dreiviertel der gesamten Bevölkerung über 18 Jahre ein Pkw in Deutschland kommt. Innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings, wo öffentliche Verkehrsmittel und Carsharing-Angebote zuhauf vorhanden sind, sind nur 53 Prozent der Haushalte autofrei. Der Pkw ist also noch immer des Deutschen liebstes Fortbewegungsmittel, obwohl die viele Fahrerei maßgeblich zum Klimawandel beiträgt. Auch wenn Pkw und Lkw heutzutage umweltfreundlicher sind als noch vor 20 Jahren, nützt dies nichts, wenn die Gesamtanzahl der Autos ebenso deutlich steigt und damit den positiven Fortschritt im Keim erstickt. Im wahrsten Sinne, denn laut Umweltbundesamt verursachte der motorisierte Straßenverkehr 2016 rund 40 Prozent der Emisision von Stickstoffoxiden.

Die Sharing Economy im Mobilitätsbereich will dafür maßgeblich Lösungen findet und bietet diese auch bereits an. Wir als Kund*innen sind nur noch gefragt sie anzunehmen und zu nutzen. Denn egal ob Profitgier oder nicht, geteilte Fahrzeuge können langfristig für die Umwelt die einzige Lösung sein. Ein stationsbasiertes Fahrzeug ersetzt in den Innenstädten bis zu 20 private Pkw. Kaum auszudenken, wie unsere Städte aussehen könnten, wenn sie nur aus Sharing-Economy-Angeboten bestünden.

Sharing Economy Mobilität

Vorher-Nachher-Vergleich im Modell des Bundesverbands für Carsharing. © Bundesverband CarSharing e.V.

Längst gibt es zudem eine ganze neue Riege von Carsharern, die den alteingesessenen Unternehmen und Carsharing-Vereinen Konkurrenz macht. Startups wie Drivy und Snappcar setzen nicht auf eine eigene Flotte, sondern auf das direkte Teilen von Privatfahrzeugen an Privatkunden. Quasi das Airbnb der Mobilität. Bei PaulCamper bekommt man sogar ganze Wohnwagen und Campervans für den Urlaub, die meist wesentlich günstiger als die klassische Autovermietung sind. Ubeeqo setzt zwar auf Free Floating, möchte aber nicht in den kurzen Minutenfahrten mitspielen, sondern geht mit starken Preisen (ab 3 Euro/Stunde) in direkte Konkurrenz zu den stationsbasierten Anbietern. Scouter hat sich im Gegensatz zu vielen anderen nicht für die großen A-Städte entschieden, sondern geht in mittelgroße Städte wie Nürnberg oder Kassel und weitet damit das Mobilitätsangebot aus. Bei ca. 165 Carsharing Anbietern in ganz Deutschland scheint das eigene Auto damit tatsächlich mehr und mehr überflüssig.

Die Zukunft der chauffierten Fahrten

Nachdem wir alle bereits seit einigen Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten, Mitfahrgelegenheiten kennen, kommt jetzt ein ganz neuer Ansatz von geteilten Fahrten. Denn nicht nur privat lassen sich Fahrten über Blablacar & Co. anbieten. Mittlerweile können wir bequem auch Taxen teilen, wie der neue Dienst der BVG eindrücklich beweist. Mit dem Berlkönig hat man jetzt einen weiteren Ridesharing-Anbieter in Berlin. Das Prinzip ist simpel: 1,50 Euro pro Kilometer. Mindestpreis 4 Euro und es kann sein, dass immer mindestens ein weiterer Fahrgast mit im Fahrzeug sitzt. Ein Sammeltaxi also. Das spart nicht nur Geld, sondern eben auch Fahrzeuge. Ähnliches Prinzip fährt Clevershuttle, die in ihrem Service noch eine Schippe drauflegen. Clevershuttle setzt auf Elektro- und Hybridfahrzeuge und geht damit noch weiter in Sachen Nachhaltigkeit.

Eine weitere Taxi-Konkurrenz, und sicherlich eine der namhaftesten, ist das amerikanische Unternehmen Uber, das im Gegensatz zu den anderen Anbietern auf private Fahrer*innen setzt. Bisher war Uber in Deutschland bis auf Ausnahmen in Berlin und München verboten. Und zu Recht gibt es einige Kritik an dem rasant gewachsenen Unternehmen. Die Plattform profitiere wohl am ehesten von dem Wunsch nach geteilten Ressourcen. Fahrer und Fahrerinnen sollen zunehmend ausgebeutet werden und nur einen Bruchteil der Gelder bekommen. Jetzt möchte Verkehrsminister Andreas Scheuer jedoch den Einsatz von Uber neu überdenken, wie er letzte Woche dem Magazin Focus mitteilte. „Gerade auf dem Land können wir mit Fahrdiensten und Pooling-Systemen ganz neue Möglichkeiten, gerade für ältere Bewohner, schaffen“, sagte der CSU-Politiker im Interview.

Grenzen der Mobilität

Und genau das ist auch der springende Punkt. Bisher ist Car- und Ridesharing vor allem eine gute urbane Alternative zum eigenen Fahrzeug und teuren, umweltbelastenden Taxen. Doch in ländlicheren Regionen sieht es da mitunter schon ganz anders aus und viele sind auf ein eigenes Fahrzeug angewiesen. Wenn dort Lösungen gefunden werden könnten, die sowohl für Mensch und Umwelt gleichermaßen hilfreich wären, würden wir große Fortschritte in Sachen Mobilität der Zukunft gehen.

Für die Städte hoffen wir noch immer auf einen Anbieter wie Bird aus den USA und die verstärkte Förderung von Carsharing seitens der Kommunen. Nachdem zwar mit Coup und Emmy unsere tägliche Fortbewegung einen sagenhaften Bequemlichkeitssprung nach vorne gemacht hat, locken gerade im Bereich Mikromobilität neue Produkte, die wir unbedingt ausprobieren wollen. Mit Bird ist nämlich sogar Auto und Moped passé und man kann ganz einfach per Cityroller zum nächsten Termin düsen. Die Zukunft hat damit nicht nur geteilte Autos im Gepäck, sondern auch Elektroroller, motorisierte Cityroller und Fahrräder.

In Kalifornien kann man bequem per Cityroller zum nächsten Termin fahren. © Bird

Doch genau dieser Umstand ist vielen auch ein Dorn im Auge. Das Wachstum der Sharing Economy im Mobilitätsbereich traf in den letzten Jahren nicht nur auf Applaus. Durch die vielen Carsharing-Angebote sind Anwohner*innen genervt, weil sie selbst keinen Parkplatz für das eigene Auto finden. Elektroroller sammeln sich an zentralen Punkten auf Gehwegen und Bird hat in den USA eine ganze Gegenbewegung der Sharing Economy hervorgebracht, die sich aktiv gegen das Unternehmen aussprechen und verhindern wollen, dass Cityroller in den Städten als Fortbewegungsmittel anerkannt werden Dazu gibt es einen spannenden Beitrag der Kolleg*innen von Buzzfeed in ihrer Netflix-Mini-Doku „Follow This“. Und auch die aus dem Boden sprießenden Bike Sharing Angebote sorgen für Unmut in deutschen Großstädten.

Die umweltfreundliche Alternative: Bike Sharing

Geht es jedoch um den Punkt Nachhaltigkeit ist klar, dass der Einsatz eines Fahrrads wohl kaum zu schlagen ist, denn selbst Elektroautos und -roller sind in Herstellung und Instandhaltung nicht komplette Ressourcenschoner. Und mit noch etwas kann Bike Sharing trumpfen: es ist mit Abstand die günstigste Alternative in der Mobilitäts-Sharing-Economy. Dabei gab es in all den Jahren nur wenige Anbieter, die sich an das Phänomen Bike Sharing trauten. Und das auch zu Recht, da es wirtschaftlich kaum effizient war und die meisten Systeme nur mit der Subventionierung von Kommunen überleben konnten. Dank Smartphone und neuer Technologien hat sich das Blatt jedoch gewandt und so wurden Städte wie Berlin, Frankfurt a.M. und München seit dem letzten Jahr förmlich mit Bike Sharing Angeboten überrannt. Ob dies nun ökologisch sinnvoll ist, sei mal dahingestellt, kommen die meisten Anbieter doch aus dem asiatischen Markt und überschwemmen die Städte mit Billig-Bikes, die teilweise hier einfach nur verwahrlosen. Viele Anbieter versuchen ihr Glück auf dem deutschen Markt und lassen die Räder teilweise einfach zurück, wenn das Unternehmen pleite geht. Kein schöner Anblick in den Großstädten. Doch auch hier gibt es Gegenbeispiele. Der aus Peking stammende Anbieter Ofo, der sich aus einer Studierendeninitiative für den eigenen Campus gegründet hat, hat mittlerweile 2,35 Millionen Räder auf Pekings Straßen. Laut Manager Magazin geben chinesischen Behörden an, den Autoverkehr damit ‚signifikant‘  zu reduzieren und die Nutzung von öffentlichem Nahverkehr zu erhöhen, da die meisten Fahrten zur nächsten S- oder U-Bahn-Station getätigt werden. Eins ist auf jeden Fall klar: Die Fahrräder sind eine direkte Konkurrenz zu Kurzfahrten mit dem Auto und bieten auch finanziell Schwächeren die Möglichkeit an der Sharing Economy teilzunehmen.

© Unsplash/Viktor Kern

Am Ende bleibt es dabei: wir teilen unsere Mobilität. Und vielleicht ja irgendwann auch soweit, dass unsere Umwelt davon einen direkten Nutzen hat. Wünschenswert wäre es auf jeden Fall!

Einige Anbieter im Überblick

Stationsbasiertes Carsharing

Flinkster, Cambio, Stadtmobil, teilAuto, Greenwheels, Book n Drive uvm.

Viele dieser Anbieter setzen mittlerweile auf beide Lösungen und haben neben den festen Stationen auch Free Floating Fahrzeuge im Angebot.

Free Floating

DriveNow, Car2Go, ab April 2019 WeShare (voll elektrisch), Drive by bzw. Miles, Ubeeqo

E-Roller

Emmy, Coup

Bike Sharing

Call a Bike, NextBike, Mobike, LimeBike, Byke

Mikromobilitätslösungen

Bird, Cityskater und Streetmate von Volkswagen

Teaserbild: © DriveNow

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