15 December, 2018, 06:33

Shareconomy: Essen teilen

Die Sharing Economy hat mittlerweile weite Teile der Wirtschaft erreicht. Im Falle der Lebensmittelindustrie müsste man vielleicht sogar eher sagen wieder erreicht. Denn das Teilen von Essen und Nahrung war vor einigen Jahrzehnten noch völlig normal. In immer weiter industrialisierten Ländern stand dann jedoch immer das Individuum im Mittelpunkt und das Teilen im großen Stil hält erst seit einiger Zeit wieder Einzug in unseren Alltag. Vor allem, weil sich immer mehr Menschen nach einer nachhaltigeren und ökologisch sinnvollen (Land)Wirtschaft sehnen.

Essen auf Rädern

Aber nicht nur Nachhaltigkeit ist ein Grund für den wachsenden Food-Sektor der Sharing Economy. Denn wo die einen nach ökologischen Lösungen suchen, suchen die anderen lediglich nach mehr Bequemlichkeit und Flexibilität. So konnten sich über die Jahre Anbieter wie Deliveroo und Foodora rasant auf dem deutschen Markt ausbreiten und digitale Essensbestellungen ins 21. Jahrhundert katapultieren. Doch es gibt es auch gehörige Kritik an den Sharingsystemen, die die Speisen deines Lieblingsrestaurant direkt ins Wohnzimmer bringen, denn vor allem die beiden großen Player setzen auf günstige Mitarbeiter*innen, unfaire Verträge und Dumpingpreise, wenn es ums Ausbreiten auf dem Sharingmarkt geht. Dabei sind nicht nur die Bestellenden diejenigen, die nur per App mit dem Unternehmen zu tun haben, sondern auch die Fahrer*innen selbst. Alle Kommunikation läuft via App ab, wie Foodora-Fahrer*innen berichten. Auch Dienstpläne, Urlaubswünsche oder Krankheitsmitteilungen. Das kann, so ganz ohne den persönlichen Kontakt zu Kolleg*innen, auf Dauer ganz schön einsam werden.

Foodsharing und Foodsaving

Doch geht es in der Food Sharing Economy vorrangig nicht nur um zubereitetes Essen, sondern vor allem um die Lebensmittel, die noch unverarbeitet im Umlauf sind. Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) 2017 wirft jede/r Deutsche pro Jahr mindestens 55 Kilogramm Lebensmittel weg. Insgesamt landen in Privathaushalten 4,4 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, das sind täglich 150 Gramm pro Person. Tonnen von Lebensmitteln, die eigentlich noch essbar wären, da wir meist ungeöffnete Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum oder trostloses Obst und Gemüse, was noch essbar wäre, in den Mülleimer befördern. Insgesamt sind es in Deutschland sogar erschreckende 18 Millionen Tonnen, ein Drittel der gesamten Produktion, wie der WWF in diesem Jahr mitteilte. Über die Hälfte davon könnte man sogar vermeiden, knapp 10 Millionen Tonnen könnten theoretisch gerettet werden.

Innovator*innen der Sharing Economy finden dafür technische Lösungen, die unserer Lebensmittelverschwendung Einhalt gebieten sollen. Denn längst ist klar, unser verschwenderischer Konsum ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Ressourcen weltweit immer knapper werden.

Vor allem Obst und Gemüse landet bei uns in der Tonne. © GfK, 2017

Die spannendsten Entwicklungen im Food-Bereich

Foodsharing

Der Star der Food Sharing Economy! Die Idee ist simpel. Lebensmittel, die ein Haushalt nicht mehr benötigt, werden allen anderen Foodsharern und Foodsavern über eine Internetplattform angeboten, damit diese die Lebensmittel vor dem Wegwerfen retten. Zusätzlich zu der digitalen Lösung gibt es außerdem sogenannte Fairteiler in den Städten, wo man Lebensmittel platzieren oder anderes Essen abholen kann. Fast 25 in Berlin, 350 in ganz Deutschland. Diese werden nicht nur von Privathaushalten, sondern vor allem auch von Biomärkten beliefert, die Lebensmittel abzugeben haben, die es nicht mehr in die Regale schaffen.

Gleiches Prinzip: die App UXA Foodsharing. Einfach registrieren. Foto von dem abzugebenden Essen machen. Und auf den Foodsaver warten!

Screenshot UXA Foodsharing

Too good to go

Die App gegen Lebensmittelverschwendung! Im Gegensatz zu Foodsharing geht es den Entwickler*innen nicht um Lebensmittelreste im eigenen Kühlschrank, sondern um gastronomische Betriebe, die sonst unverkauftes Essen einfach wegwerfen würden. Über die App können Restaurants, aber auch Bäckereien und Cafés ihre Speisen anbieten, die man sich in der Nähe reservieren und abholen kann. Gekauft wird easy über App zu einem rabattierten Preis mit einer festen Abholzeit.

Lebensmittelkooperativen

Food Coops sind schon lange vor dem Internet und der digitalen Sharing Economy entstanden und können sich heute dank technischer Fortschritte noch leichter organisieren. Das Prinzip einer Lebensmittelkooperative ist auf die gemeinsame Nutzung und Bestellung von Lebensmitteln ausgerichtet. Dafür finden sich mehrere Menschen zusammen, die direkt bei den Erzeuger*innen und Großhändlern zu dementsprechend günstigeren Preisen Lebensmittel bestellen können. Das Sortiment kann damit selbst bestimmt werden und der Gruppenrabatt macht gerade für Finanzschwächere Bio-Lebensmittel leistbarer. In Berlin sind daraus auch schon eigene Bioläden wie zum Beispiel das Wurzelwerk entstanden.

Solidarische Landwirtschaft

Auch die Solidarische Landwirtschaft, oder Solawi wie Kenner*innen sie nennen, ist ein altes Konstrukt, das jetzt neuen Glanz erfährt. Laut Solidarische Landwirtschaft e.V. bedeutet diese: Ein Hof oder eine Gärtnerei versorgt eine Gruppe von Menschen in der näheren Umgebung mit Lebensmitteln. Im Gegenzug stellt die Gruppe die nötigen Mittel für die Lebensmittel­erzeugung zur Verfügung. Alle Beteiligten teilen sich die Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte. Und das mittlerweile natürlich auch digital organisiert. Bei ernte teilen findet man z.B. Abholstellen und solidarische Landwirtschaftsinitiativen in der Nähe.

In der Solidarischen Landwirtschaft wird die Ernte gerecht auf alle Beteiligten der Solidargemeinschaft aufgeteilt. © Elaine Casap

Sirplus

Sirplus rettet überall Lebensmittel. Vor allem aber auch von großen Anbietern, die so einiges übrig haben. So zum Beispiel Air-Berlin-Gummibärchen, als die Airline ihr Aus bekannt gab. Das Startup hat mittlerweile einen eigenen Onlineshop, in dem man sich nach Lust und Laune an geretteten Lebensmitteln erfreuen kann. Und das zu wirklich guten Preisen. Außerdem kann man sich die sogenannte Retterbox abonnieren. Hier bekommt man jeden Monat eine Überraschung an geretteten Lebensmitteln direkt nach Hause geschickt. Für Berliner*innen: Sirplus hat auch eine Offline-Filliale in Charlottenburg.

Essen mit Fremden teilen

Und dann gibt es neben den vielen Angeboten zum Essen bestellen, Essen teilen und Essen solidarisch betrachten, auch noch ganz andere Möglichkeiten den Sharing-Gedanken weiter zu tragen. So zum Beispiel das Portal Eat With. Hier kann man sich mit völlig Fremden zum gemeinsamen Dinieren verabreden. So teilt man nicht nur Essen, sondern auch einen schönen Abend. Die Plattform mealsharing funktioniert ähnlich. Privatpersonen können dort ihre Kochkünste anbieten und sich eigene Gäste ins Haus einladen. Der Vorteil: man lernt spannende Menschen kennen, isst deutlich günstiger als im Restaurant oder verdient sich mit der eigenen Kochleidenschaft noch ein paar Euro dazu.

Wer bei all dem experimentierfreudigen Foodsharing jetzt auch noch ganz selbstlos an andere denken möchte, sollte sich auf jeden Fall die App Share The Meal herunterladen. Dort kann man per Klick bei jeder Mahlzeit, die man selbst zu sich nimmt, einen selbst gewählten Betrag an Hungernde in der ganzen Welt spenden. So macht Essen teilen gleich doppelt Spaß und Sinn!

Teaserbild: Unsplash/ © Eaters Collective

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