19 November, 2018, 05:12

Women in Tech: Mihriban Minaz – Entwicklerin bei unu

Mihriban Minaz hat in Istanbul Computer Engineering studiert und arbeitet seit 2016 als Entwicklerin beim E-Roller-Startup unu in Berlin. Zweieinhalb Jahre war sie dort die einzige Frau im Software-Team – heute sieht es schon ganz anders aus. Wir haben mit Mihriban über ihren Werdegang als Frau in einer Männerdomäne, die Unterschiedene zwischen der deutschen und türkischen Tech-Szene sowie ihre Herausforderungen im Arbeitsalltag gesprochen.

Tech and the City: Wie bist du dazu bekommen, Computer Engineering in Istanbul zu studieren? 

Mihriban Minaz: Mathe fand ich immer spannend, Physik jedoch eher nicht. Ich wollte Ingenieurwissenschaften studieren, um Probleme zu lösen und die Entwicklungsländer sowie neue Technologien besser zu verstehen. All diese Interessen führten mich letztendlich zu Computer Engineering.

TATC: Worum geht es in dem Studiengang? 

MM: Es war eine umfassende Ausbildung, die sich sowohl auf die Software- als auch auf die Hardware-Seite des Computer Engineering konzentrierte. Wir haben sowohl Algorithmenanalyse gelernt, als auch die 0-1er und Montage; im Anschluss haben wir dann gelernt, wie wir unsere eigene Programmiersprache und einen Compiler dafür schreiben. Darüber hinaus hatten wir Laborkurse, um mehr über die elektrischen und elektronischen Teile von Computern zu lernen.

Wir haben alles abgedeckt, von BJT-Schaltungen bis zu CMOS, dann Logikgatter, die sich zu einfachen 4-Operationen-Rechnern entwickeln. Dann ging es weiter mit Mikrocontrollern mit kleinen RAMs, Sensoren und Input/Output Modulen. Jetzt kann ich sagen, dass ich IoT kannte, bevor es cool war 🙂

TATC: In Deutschland ist der Großteil der Computer Engineering Studierenden männlich. Wie sieht es in der Türkei aus? Wie war das Verhältnis von männlichen und weiblichen Studierenden?

MM: Als ich mein Studium begann (2005), waren wir in meiner Klasse zu 10 Prozent weiblich. Das letzte Unternehmen, für das ich in Istanbul (2014) arbeitete, hat die Geschlechtergleichstellung sehr ernst genommen. Mehr als die Hälfte der Firma war weiblich, und etwa 35 Prozent der Entwicklerinnen waren Frauen. Mit Projektmanagern, Designern und den Mitarbeitern aus der Qualitätssicherung waren wir dann über 50 Prozent.

Jetzt bei unu beträgt die Frauenquote unternehmensweit etwa 35 Prozent, im Software-Team rund 40 Prozent und wir freuen uns darauf, diese Zahlen in Zukunft weiter zu erhöhen.

TATC: Erzähl uns mehr über deine Karriere nach dem Studium. 

MM: Mein erstes Vorstellungsgespräch ist eine bittere Geschichte. Im Alter von 22 Jahren, direkt nach meinem Abschluss und ehrgeizig, stellte mir ein IT-Direktor folgende Fragen: „Haben Sie einen Verlobten? Wann planen Sie zu heiraten? Haben Sie vor, Ihren Job zu kündigen, wenn Sie heiraten?“ Seine Erklärung zu diesen Fragen war: „Wir investieren viel in unsere Mitarbeiter; Frauen verlassen das Unternehmen nach der Hochzeit.“

Aber diese Fragen helfen nicht dabei, irgendwelche Probleme zu lösen. Man sollte lieber prüfen, warum Frauen nach der Heirat, oder nachdem sie Mütter werden, ihren Job aufgeben. Das liegt vor allem an fehlenden Arbeitsmöglichkeiten, sowie an wirtschaftlichen und sozialen Rechten.

Zu Beginn meiner Karriere musste ich bei Meetings für neue Projekte immer wieder meine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Irgendwann haben die Leute vielleicht schon von einem ehemaligen Teamkollegen oder von einem Manager mehr über dich erfahren, und dann wirst du vielleicht sogar in Kick-Off-Meetings nach deiner Meinung gefragt. Lange Rede, kurzer Sinn: Wartet nie darauf, gefragt zu werden, sondern teilt eure Meinung und Ideen immer sofort.

Später bin ich zu mobilen Anwendungen gewechselt, wo ich an verschiedenen Banking-, Wallet- und E-Commerce-Apps gearbeitet habe. So habe ich auch Erfahrungen mit Early Stage Startups als Co-Founder Developer gesammelt.

TATC: Was sind deiner Meinung nach die Unterschiedene zwischen der Tech-Szene in Istanbul und Berlin?

Als ich vor drei Jahren nach Berlin gezogen bin, habe ich mit vielen weiblichen Teamkollegen gerechnet, aber leider merkte ich schnell, dass die Zahlen noch geringer als die in der Türkei waren. Das liegt vor allem daran, dass die Türkei kein wohlhabendes Land ist, Technik war daher immer ein guter Karrierezweig. Anders als in Deutschland ziehen daher türkische Frauen einen Ingenieursberuf in Betracht. Aber wir haben eine wachsende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und Probleme mit den Rechten von Frauen (und Menschen!) in der Türkei, man sieht bereits jetzt die frühen Auswirkungen.

Abgesehen davon ist die Türkei ein sehr interessantes Land, die Technologieanpassung ist dort hoch. 84 Prozent der Bevölkerung besitzen ein mobiles Gerät. 30 Millionen der 80 Millionen Einwohner sind Facebook-Nutzer, das sind viel mehr als in Deutschland. Die Nutzung von Smartphones zum Onlineshopping (3. Platz weltweit) und Onlinebanking (4 Millionen Nutzer) gehört zur Tagesordnung. Vor 2014 gab es eine wachsende Startup-Szene. Die Türkei war und ist jedoch nicht das beste Land, um Investitionen für ein Early Stage Startup zu finden.

Wenn ich das Niveau von Onlinebanking oder die fehlende Digitalisierung von Prozessen und bestehenden Problemen vergleiche, die in der Türkei schon vor Jahren gelöst wurden, empfinde ich Berlin als stark unterentwickelt. Auf der anderen Seite weiß ich das Bewusstsein für Datenschutz, Nutzerrechte, Fake News und die Manipulation von Informationen sehr zu schätzen. Für mich ist der Schlüssel, Produkte verantwortungsvoll und mit Rücksicht auf die Privatsphäre zu entwickeln.

Außerdem finde ich es toll, dass es in Berlin viele Communities gibt, die das Problem unterrepräsentierter Gruppen in Angriff nehmen, wie zum Beispiel WTM Berlin, Women Who Code oder Unicorns in Tech.

Mihriban Minaz von unu

TATC: Was ist dein liebster Part des Tages bei unu?

MM: Mit unu im Sommer zur Arbeit zu fahren 🙂 Nein, das ist natürlich kein Teil meines Jobs, aber eine nette Ergänzung.

Ich liebe es, dass ich an Spitzentechnologien arbeite, und das Produkt ist cool. Außerdem finde ich es toll, Teil eines Teams zu sein, das ich mitformen und mitgestalten kann. Die Leute bei unu sind sehr nett und die Unternehmenskultur gibt Individuen den Raum, sie selbst zu sein.

TATC: Du bist mehrfach für deine Kreativität im Coden ausgezeichnet worden. Wie übersetzt man Kreativität in Code?

Kreativität kommt fast immer durch Herausforderungen und Einschränkungen. Ich liebe Hackathons, bei denen man in kurzer Zeit ein Problem beheben muss. Ich mag es, ein Problem mit möglichst vielen Lösungen in Betracht zu ziehen. Die Übersetzung kommt, indem man den Flow-Zustand erreicht: Du tauchst vollständig ein und verlierst die Verbindung zu allem Leben um dich herum. Du löst ein Problem und fühlst eine große Befreiung. Ich frage mich oft, warum ich gerne Probleme löse: Ich bin eine Frau, für mich ist es natürlich, Teil der Lösung zu sein, anstatt ein Problem zu schaffen. Wir Frauen wollen die Welt zu einem besseren Ort machen.

TATC: Du bist die einzige Frau in unus Software-Team. Bringt dich das zu neuen Herausforderungen? 

MM: Ich war vor 2,5 Jahren die einzige Frau im Software-Team, aber jetzt haben wir eine Frauenquote von 40 Prozent erreicht. Daran haben wir sehr hart gearbeitet und arbeiten auch weiter an der Verbesserung.

Wir stehen vor einer großen Herausforderung. Die meisten der Kandidaten, die sich für unu bewerben oder die wir finden, sind männlich. Dafür gibt es mehrere Gründe: Ein Mangel an weiblichen Entwicklern auf dem Gebiet; Frauen, die ihre Erfahrung unterschätzen, sind jedoch auch ein großes Problem. Es gibt viele männliche Entwickler mit nur 2-3 Jahren Erfahrung, die sich für eine Senior-Stelle bewerben, während weibliche Entwickler für dieselbe Position oft 6-8 Jahre Berufserfahrung mitbringen. Um dieses Problem zu überwinden, bewerten wir objektiv, fördern das Selbstvertrauen von Frauen und schaffen Möglichkeiten für Junior-Entwicklerinnen mit Junior- und Praktikantenrollen.

Unsere Teamleitung führte einen achtmonatigen Crashkurs für Software-Entwicklung durch, in dem das gesamte Software-Team mitwirkte. Wir trafen dort viele ehrgeizige und liebenswerte Frauen. Zwei von ihnen arbeiten jetzt mit uns zusammen, eine davon hat als Praktikatin angefangen und arbeitet jetzt als Vollzeitangestellte nach erfolgreichem Abschluss ihres Praktikums bei uns. Ich bin glücklich, dass ich mit klugen und ehrgeizigen Frauen zusammenarbeite. Das schafft automatisch eine nette Atmosphäre – wir kümmern uns umeinander, und verstehen und unterstützen uns gegenseitig.

unu ist ein aufgeschlossenes Unternehmen, das sich um Menschen kümmert, unabhängig von Geschlecht und ethnischer Identität. Die Gehälter haben Erfahrungsstufen, sind transparent und für die Mitarbeiter einsehbar. Natürlich gibt es auch Probleme: Da unu ein junges Unternehmen ist, sind einige Prozesse noch nicht klar definiert. Verbesserungen, zum Beispiel zur Unterstützung des Werdeganges von Frauen bei der Arbeit sind nötig; aber genau daran arbeitet unu bereits. Darüber hinaus gibt es Bedarf nach unterrepräsentierten Gruppen in Senior-Rollen und Management-Positionen. Das Bewusstsein und der Feedback-Mechanismus sind vorhanden, es ist eine große Herausforderung für uns alle.

TATC: Wir können wir mehr Frauen dazu ermutigen, im Tech-Bereich zu studieren und zu arbeiten? 

Indem wir unsere Erfahrungen teilen, durch Mentoring und indem wir uns untereinander unterstützen. Für mich ist Technologie heutzutage ein wichtiger Beitrag zur Demokratie. Wenn du Lösungen für Probleme suchst, brauchst du jemanden, der dich vertritt, damit du eine Stimme hast. Andernfalls werden technische Produkte nur Lösungen für eine privilegierte Gruppe von Leuten sein, und die werden dein Problem nicht lösen. Deshalb brauchen wir Vielfalt.

Hier ist ein Beispiel: Am Ende unsere JS-Crashkurses hatten die Teilnehmer ihre eigenen Projekte erstellt. Eines dieser Projekte war eine Website für öffentlich zugängliche Toiletten für Frauen, die auf einer Karte fixiert waren (einschließlich Bars und Restaurants, die bereit waren, ihre Türen zu öffnen). Dies ist ein geschlechtsspezifisches Problem – nicht, dass ich befürworte, dass Männer draußen pinkeln! 🙂

Der Computer gilt als Zauberkiste, jeder benutzt ihn jeden Tag und wird doch oft überrascht. Ich kann mir keine einzige Person vorstellen, die nicht lernen möchte, wie diese Magie funktioniert. Aber es erfordert Anstrengung, Motivation, Eifer und Konzentration – die Belohnung ist jedoch unglaublich. Wissen eröffnet neue Horizonte.

Es passieren viele positive Dinge: Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice werden mehr und mehr zum Industriestandard im Tech-Bereich. Viele führende Unternehmen unterstützen ‚moms back to work‘-Projekte und haben eine elternfreundliche Unternehmenspolitik.

TATC: Was sind deine drei Lieblingsapps?

MM: Telegram, Splitwise, Spotify.

TATC: Welches technische Gerät müsste deiner Meinung nach noch erfunden werden? 

Da gibt es viele. Ein Gerät, das uns unter Wasser atmen lässt. Ein Babelfisch aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ im Ohr. Ein leicht zu tragender, faltbarer oder zusammenklappbarer Helm für Roller – es gibt bereits Kickstarter-Projekte für Fahrradhelme. Ein neues visuelle Musikwerkzeug für gehörlose Menschen. Human+ Tools, um das Leben im Umgang mit Krankheiten und Behinderungen zu erleichtern.

Wenn es um die nahe Zukunft geht: eine neue Art der Mobilität in Städten – fliegende Autos beiseite, wir brauchen eine Lösung die sauber, nachhaltig und geräuschfrei ist und kein Parkproblem verursacht. Ja, ein Elektroroller, der diese Kriterien erfüllt, wurde bereits erfunden, aber wir haben immer noch ein Problem mit Energie, Konnektivität und Sicherheit. All das sind Dinge, die jeden Tag neu erfunden werden müssen.

Vielen Dank für das spannende Interview, liebe Mihriban.

Fotos: PR

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