20 October, 2019, 13:43

Kolumne: Warum Instagram nervt und was man dagegen tun kann

Ich habe mit Instagram angefangen, da waren gefühlt nur eine Handvoll Leute auf der Plattform. Keine*r hat sich darum geschert, was wirklich gepostet wird. Oder zumindest nicht, wie visuell ansprechend es ist. Das war völlig egal. Genauso wie viele Filter letztendlich auf einem Bild landen. Völlig Wurst! Wenn es dich am Ende des Tages zufriedengestellt hat.

Mein erster Post ging am 29. Juli 2011 online und ich war vielleicht für einen kurzen Moment der stolzeste Mensch der Welt. Nicht, weil ich irre viele Likes (Drei! Wo kamen die eigentlich her?) bekam, sondern weil ich das Gefühl hatte, endlich wieder eine Art Tagebuch zu führen. Schon früher schrieb, skizzierte und fotografierte ich viele Erlebnisse meines Alltags irgendwohin – von Diddl-Tagebuch bis Analogkamera. Juhu, es gab wieder eine Kommunikationsform, die mich aktiv Momente sammeln ließ, aber damit voll dem 21. Jahrhundert entsprach und sich nicht wie 1999 anfühlte. #collectmoments – wow, wie oft ich diesen Hashtag benutzte und heute einfach nicht mehr hören kann.

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Looove it!

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Instagram in der Steinzeit

Denn was so schön romantisch begann, wurde nach und nach zu Momenten, die entweder unbedingt erlebt werden müssen, die dir vorgaukeln echt zu sein oder sowieso für immer unerreichbar für eine Normalsterbliche wie mich waren. Ich hatte mit Instagram begonnen, weil ich als Tourmanagerin viel unterwegs war und diese Momente, wirklich ehrlich, gerne festhalten wollte. Und ja, ich wollte sie auch teilen. Mit den Menschen, die mich begleiten. Familie. Freund*innen. Ein Stück meines Alltags zeigen. @remember_moments war mehr als nur mein Accountname.

Klar gehörten da am Anfang auch die Müslischüssel, die Computertastatur und das obligatorische Spiegelselfie dazu. Manches davon wäre heute schon wieder Kunst. Und es hat auch niemanden gestört – im Gegenteil. Als ich anfing mich vegan zu ernähren, war es spannend diese neue Reise auch visuell zu begleiten. #whatveganseat bedeutete für mich wirklich neue Rezepte und Menschen zu entdecken, die vielleicht schon weiter als ich waren. Genauso wurden Menschen auf mein Profil geführt, die mich anfeuerten oder anfingen einfach mitzumachen.

Alles war irgendwie organisch, neu und aufregend. Und eine Spielwiese, die es galt zu ergründen. Welche Filter gefallen mir am besten? Welcher Lichteffekt passt zu welchem Bild? Wie viel Reisetagebuch will ich erzählen? Welche Erinnerungen will ich für immer festhalten und was bedeuten sie mir? Es war mir einfach völlig egal, ob jemand sieht, was ich teile. Ich wollte es für mich. Und freute mich so sehr über dieses visuelle Tagebuch. Es gab keine Hashtags und Verlinkungen. Es gab eigentlich nur die App und mich.

 

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This is it for today! #sleepy #tired #fullofshit

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Working! #ontour #UK #Nottingham #intheoffice #happy #smilewhileworking

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Doch irgendwann kam dieser Umbruch von Ich-poste-einfach-nur-random-Bilder hinzu Ich-will-auch-dass-die-Bilder-schön-aussehen. Ich kann schon gar nicht mehr sagen, wie und warum. Aber auf einmal machte es mir etwas aus, wenn das Bild nicht auf irgendeine Art und Weise schön war. Vielleicht auch nur für mich und meinen persönlichen Anspruch. Aber man merkte auch mit der Zeit, dass die Ansprüche der anderen, und vor allem der steigenden Followerzahl, größer wurden. Oder zumindest bildete man sich das ein. Das goldene Zeitalter der ersten erfolgreichen Blogs in Deutschland tat dann sein Übriges.

Nimm dein #goodlife in die Hand und verdiene, verdammt nochmal, Geld damit

Auf einmal gab es eben all diese professionellen Bilder und es muss so zwischen 2013 und 2015 gewesen sein, als die Grenzen zwischen professionellem Account, Blogger*in, Influencer*in und Privatperson verschwommen. Nach und nach mauserte sich Instagram zu einem unserer größten Social Media-Netzwerke und clevere Unternehmer*innen entdeckten das Potential dieser Plattform. Natürlich vollkommen zu recht. Doch irgendwie nahm dies auch die Spontanität und die Echtheit aus dem Medium. Das, was Instagram eigentlich groß gemacht hatte, blieb irgendwo zwischen #thegoodlife und #livelaughlove hängen.

 

 

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inner peace is the mission

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In den letzten Jahren dann noch die fortwährenden Neuerungen, Zusatzfunktionen, Swipe-Up-Links, Storymöglichkeiten und Algorithmusänderungen. Und schwupps, war Instagram zu einer einzigen Werbeplattform verkommen. Versteht mich nicht falsch, ich finde es völlig legitim, dass man Instagram für Werbung und Co. benutzt und auch Unternehmen einen weiteren Vertriebskanal für sich entdeckt haben. Aber als Privatperson mochte ich Instagram einfach immer weniger und weniger. Allein, weil gefühlt jeder zweite Account dir ein vermeintlich besseres Leben vorgaukelte. Tue dieses oder jenes und du wirst wirklich „glücklich“ werden. Wie viele Kreuze konntest du schon auf deiner Bucketlist setzen? Bitte keinen Zucker, jeden Morgen Sport und Yoga. Yoga ist gaaaanz wichtig. Und wenn schon nicht Yoga, dann bitte aber ein kleines Workout zwischendurch. Zwischen Café Latte, Dauergrinsen, #instahusband, #besties und dieser einen Uhr, die du unbedingt brauchst, um dein Leben in den Griff zu bekommen, wollte ich einfach nur noch schreiend rausrennen, alle mal schütteln und den großen, roten Knopf drücken. Der alles resetet auf 2011, als ich meine Winterhausschuhe in die Luft streckte, auf den Auslöser drückte und mir vorkam wie eine wilde Fashionbloggerin.

Es gab auch Zeiten, da postete ich einfach gar nichts mehr, weil ich das Gefühl hatte, alles sei erzählt. Ich haderte immer wieder damit. Denn wenn alle das Gleiche erzählen, ist am Ende auch egal, was du selbst festhältst. Dabei wollte ich das Grundprinzip meines persönlichen Accounts stringent halten: egal ob öffentlich oder nicht, dies ist mein Tagebuch. Vielleicht für immer. Oder, na gut, zumindest solange, wie Instagram sich am Markt halten kann. Denn ein Gedanke drängte sich mir immer wieder auf: Was machen all die Menschen, die ihr Business auf Instagram aufbauen, wenn Instagram einfach mal den Stecker zieht? Adieu 100.000 Follower. War schön mit euch!

Smash the algorithm

Doch wie so oft gibt es eben auch immer zwei Seiten dieses unendlich großen Luxusproblems (Crazy, dass Instagram überhaupt eine Kolumne wert ist!). Natürlich ist Instagram nicht per se schlecht. Im Gegenteil, ich liebe dieses Medium nach wie vor, weil ich irgendwann eine Sache begriffen habe, Instagram kann und muss nicht nur visuelles Tagebuch sein. Ich muss nicht mit Hochglanzbildern überzeugen, irgendwelchen Hashtags nachjagen oder Followerzahlen erreichen. Ich kann in meinem Tempo meinen Gedanken nachgehen. Für mich bedeutete das, dass ich lernte, was für riesige Chancen diese Plattform im Vernetzen und Austauschen mit Gleichgesinnten bietet. Denn natürlich ist nicht alles einfach nur oberflächlicher Mist auf Instagram. Ganz im Gegenteil. Es gibt dort sehr viele Menschen, die wirklich tolle Accounts geschaffen haben. Denen es sich lohnt zu folgen, weil sie etwas zu erzählen haben. Sei es in Bildern oder Worten.

Deswegen genug der Meckerei und Passivität. Nehmen wir das Medium doch wieder selbst in die Hand. Mir doch egal, was irgendein Algorithmus mir irgendwie vorgaukeln will. Ich muss nicht alles immer nur konsumieren, sondern kann auch ganz aktiv steuern, was ich sehen möchte. Und was eben nicht. Und wenn mir all die Lifestyle-Accounts überdrüssig geworden sind, dann folge ich eben den Menschen, die mich weiterbilden, deren Geschichte ich spannend finde oder die mir praktische Tipps für den Alltag mitgeben. Dazwischen noch ein paar Fun-Accounts und die liebsten Brands und schon hat man einen selbst zusammengestellten Feed, der einem jeden Tag Freude bereitet.

Und ich will auch gar nicht Lifestyle-Accounts bashen, denn auch diese haben sich über die Jahre weiterentwickelt – genau wie ich. Hinter jedem Account steht am Ende auch ein Mensch, der eben seine eigene Agenda verfolgt. Welche auch immer diese sein möge, es wird Menschen da draußen geben, die ihr folgen wollen. Denn Instagram wäre nicht Instagram, wenn uns die Lust am Follow, Liken und Teilen abhanden gekommen wäre. Vielleicht ist es einfach nur Zeit wieder eigene Held*innen zu suchen anstatt Algorithmus gesteuert alles hinzunehmen.

Titelbild: © Georgia de Lotz/unsplash.com

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