20 July, 2019, 13:46

Kolumne: Smart Home – Fortschritt oder gruselig?

Auf einmal sind wir alle smart. Ganz unabhängig von unserem Bildungsstand wurden wir die letzten Jahre über immer smarter. Erst via Smartphone. Später – und immer schneller – aber auch mit Smartwatch, Smart Printer, Smart Kühlschrank, smarter Glühbirne und und und. Ich glaube, heutzutage könnten wir alles auch in smart bekommen. „Einmal Pommes rot-weiß. Ach ne, smarte Pommes rot-weiß.“ Die messen dann gleichzeitig beim Essen die Kalorien, die du später wieder verbrennen musst, um die gefutterten Pommes wieder abzutrainieren. Okay, okay, soweit ist es noch nicht. Aber so langsam, aber sicher bekomme ich das Gefühl, dass die smarten Gegenstände unseren Alltag erobern und nicht nur das, nach und nach auch übernehmen.

Es ist zwar ganz nett, dass ich mir jetzt keine eigenen Einkaufslisten mehr machen muss, weil das mein Kühlschrank von ganz allein übernimmt. Aber irgendwie vermisse ich auch die Möglichkeit einfach mal mit Kuli und Notizzettel bewaffnet durch die Küche zu gehen und zu schauen, was man in dieser Woche noch gebrauchen könnte. Und ist es wirklich notwendig, dass die Bürste meine Haarstruktur misst während ich mir morgens noch halb verschlafen die Haare kämme? Bei so mancher smarten Erfindung, so clever sie auch sein möge, frage ich mich doch, ob ich diesen Fortschritt wirklich brauche.

Und wenn wir schon einmal dabei sind. Wer bekommt eigentlich die ganzen Daten, die sich da über die Monate auf irgendwelchen Servern über mich, meine Einkaufsroutine und meine Haarstruktur ansammeln? Bekomme ich dann beim digitalen Zeitung lesen wieder Werbeanzeigen über die neusten, veganen Produkte (die sich durchaus ab und zu auf meinen Einkaufszettel verirren könnten) oder ein besseres Haarshampoo angezeigt? Ich frage mich, wie viel ich eigentlich an mir messen lassen möchte und wie viel von mir gespeichert werden soll. Denn so grandios der technische Fortschritt ist, so gruselig ist es manchmal doch auch.

Das liegt vor allem daran, dass vieles von dem, was da im Unsichtbaren zwischen Nullen und Einsen stattfindet, noch immer viel zu intransparent ist. Und so eine richtige Kontrolle darüber, was ich wem gebe, habe ich eben nicht. Ich bin niemand, der absolut auf diese Dinge pocht. Ehrlich gesagt, bin ich sogar recht vertrauensvoll, wenn es um meine Daten geht. Und doch hat die Vergangenheit oft bewiesen, dass dies eben auch relativ leicht missbraucht werden kann. Sei es nun bei einer Beeinflussung zur nächsten Präsidentschafts- oder in unserem Fall Bundestagswahl. Oder eben für Firmen, die Daten an den nächstbesten verkaufen. So wie es bei den im Internet herumschwirrenden DNA-Tests zum Beispiel durchaus der Fall ist. Hier werden die erhobenen Daten nach erfolgter DNA-Analyse und Abstammungsbestimmung mitunter an Pharmaunternehmen weiterverkauft, die dann wiederum diese für ihre Forschung verwenden können.

Das hat nicht unbedingt etwas mit Smart Home zu tun. Aber es zeigt zumindest, dass das Potential da ist unsere erhobenen Daten gewinnbringend weiterzuverkaufen. Schon jetzt gibt es in einigen Ländern oder Landstrichen nur noch Smart Homes. Wie im ZeitMagazin kürzlich von einer Stadt in China berichtet wurde, in der Apartments nur noch mit entsprechender Ausstattung vermietet oder verkauft werden. Alles ist connected. Wenn man abends nach der Arbeit nach Hause kommt, läuft schon Musik. Die Heizung (oder Klimaanlage) ist auf die richtige Temperatur eingestellt. Eventuell ist die Wäsche gewaschen, fertig zum Aufhängen. Das Essen wurde warm gemacht. Ein Raumduft versprüht. All das ohne menschliches Zutun, sondern ganz allein durch Technik. Und auch die Wohntrends sagen ähnliches voraus.  Smart Living, smarte Logistik und Smart Shopping sollen immer mehr in unseren Alltag einziehen. Auch vom Einsatz von Pflegerobotern ist die Rede. Wie der smarte Hund der Zukunft aussehen kann, haben wir neulich bei Sony bestaunen dürfen. Der reagiert sogar auf angelernte Befehle (lernt auch immer weiter, künstlicher Intelligenz sei dank) und lässt sich auch von mir streicheln, wenn ich das möchte.

Wollt ihr die optimale Raumtemperatur, wenn ihr nach Hause kommt? © Dan LeFebvre/unsplash.com

So sehr mir das gefällt, so sehr gruselt es mich auch. Denn wenn ich über diese Bereiche meines Lebens nur noch bedingt entscheiden kann bzw. mir die Entscheidungen auch abgenommen werden, empfinde ich in dem Moment eine Art Kontrollverlust.  Ich möchte auch mal ganz oldschool das Licht anknipsen, wenn ich nach Hause komme, mich für abgefahrene Musik entscheiden oder doch lieber einen frischen Salat anstatt des aufgewärmten Mittagessens verputzen. Vielleicht ist mir heute sogar irre heiß, wenn ich zur Tür rein komme und ich will nicht die optimale Raumtemperatur von 21 Grad. Und was passiert eigentlich bei Stromausfall? Kann mein Smart Home dann für mich Kerzen in der ganzen Wohnung entzünden?

Wie geht es euch? Empfindet ihr den Fortschritt als gruselig oder bereichernd?

Titelbild: © Bence Boros/unsplash.com

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.