21 October, 2018, 16:28

Women in Tech: Maren Martschenko – 1. Vorsitzende bei Digital Media Women

Vor etwa einem Jahr bin ich der Gruppe ‚Digital Media Women‘ auf Facebook beigetreten. Was mir in dieser Zeit sofort aufgefallen ist: Es geht dort unheimlich inspirierend, unterstützend und hilfsbereit zu. Eigenschaften, die man so nicht in vielen Gruppen auf der Plattform findet, denn konstruktive Diskussionen sind dort leider oft Mangelware. Ein Grund mehr, endlich mal nachzufragen, wer eigentlich hinter der Community rund um die #DMW steckt. Maren Martschenko, 1. Vorsitzende des ehrenamtlichen Vereins, hat uns im Interview verraten, wie wir Frauen selbst zur Digital Media Woman werden können, welche Chancen die Digitale Transformation für Frauen mit sich bringt und mit welchen Projekten sie sich aktuell beschäftigen.

Tech and the City: Wer sind die Digital Media Women?

Maren Martschenko: Die Digital Media Women (#DMW) sind ein ehrenamtlicher Verein, der sich für die Gleichberechtigung von Frauen in der Digitalwirtschaft einsetzt. Wir haben knapp 150 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen in neun Städten bzw. Regionen in Deutschland. Unser Herzstück ist unsere Onlinecommunity von etwa 20.000 Frauen und Männern, mit denen wir über Facebook, Twitter und Instagram vernetzt sind.

TATC: Was ist euer Ziel?

MM: In unserem Leitbild sind folgende Ziele verankert: Wir wollen in einer Welt zu leben, in der Vielfalt herrscht. Wir wollen in einer Welt arbeiten, in der Frauen gleichberechtigt teilhaben und sichtbar Einfluss nehmen. Im digitalen Wandel sehen wir die größte Chance, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Deshalb unterstützen und vernetzen wir Frauen, die den digitalen Wandel vorantreiben.

TATC: Seit wann gibt es euch und wie kam es zu dem Zusammenschluss?

MM: Im Jahr 2010 wurde die Initiative von Carolin Neumann gegründet als sie auf der NEXT das Fehlen von Frauen auf der Bühne kritisch anmerkte und ihr gesagt wurde, es gäbe keine kompetenten Frauen in dem Bereich. Was schlichtweg nicht stimmte, die Veranstalter kannten sie nur nicht. Das wollte Carolin Neumann ändern, setzte einen Tweet ab auf der Suche nach Gleichgesinnten. Das war der Beginn der Initiative in Hamburg. Im Juli 2012 wurde der Verein Digital Media Women e.V. offiziell gegründet. Schnell entstanden in vielen weiteren Städten und Regionen Deutschlands Quartiere. Stand heute sind es neun und weiter wachsend.

TATC: Welche beruflichen Hintergründe habt ihr?

MM: Wir kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Wir haben eine große Bandbreite an Berufsbildern, wie sie in der Digitalisierung üblich sind. Wir haben Programmiererinnen genauso wie Marketingfachfrauen, Projektmanagerinnnen, Agile Coaches, Unternehmerinnen und Freelancer aus allen Gewerken, die an der digitalen Transformation beteiligt sind. In unserem Blog haben wir eine Serie zu den Berufsbildern, die die Vielfalt zeigt.

TATC: Wie können andere Frauen selbst zur „Digital Media Woman“ werden?

MM: Wir haben eine große offene Onlinecommunity. Es gibt ganz unterschiedliche Stufen des Engagements. Die einfachste ist, Fan auf Facebook zu werden, Follow auf Twitter zu drücken. Wir haben eine sehr aktive Gruppe auf Facebook mit gut 11.000 Mitgliedern. Dort gibt es einen regen, sehr wertschätzenden und konstruktiven Austausch zu allen Fragen des digitalen Lebens und Arbeitens. Unsere Fördermitglieder bekommen zusätzlich Zutritt und Vergünstigungen zu Konferenzen und Workshops. Neben dem Vernetzen von Expertinnen mit Medien, Veranstaltern und Organisationen ist uns das Empowern durch Wissensvermittlung eine Herzensangelegenheit.

Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, den #DMW Zeit und Wissen zu schenken, in dem sich Frauen ehrenamtlich engagieren. Deutschlandweit sind das bereits etwa 150 Frauen, die Veranstaltungen wie Meet-ups, Themenabende und Academies organisieren, das Blog führen, die Online Community pflegen. Ganz viel passiert bei uns auch hinter den Kulissen, wenn wir z.B. Speakerinnen an Veranstalter vermitteln, mit Firmen wie Paypal oder B/S/H kooperieren, um die Frauen voranzubringen. Auch die politische Arbeit wie jüngst im Deutschen Frauenrat ist ein wichtiger Baustein unserer Arbeit.

TATC: Welche Erfolge habt ihr in den letzten Jahren bezüglich Frauen in der Digitalwelt erlebt?

MM: Was wir über die letzten Jahre in unserer Community beobachten konnten ist, dass Frauen viel selbstbewusster und konkreter in ihren Forderungen in Bezug auf Positionen und Verantwortung in ihrer Arbeit geworden sind, und auch was die Arbeitsumgebung im Sinne von fördernden Rahmenbedingungen angeht. Es hat auch ein Umdenken bei den Unternehmen und Veranstaltern gegeben. Wir erleben durch die vielen Anfragen, die bei uns landen, dass sie sich um einen höheren Frauenanteil in ihren Teams und Führungsebenen bemühen.

Was wir auch zum ersten Mal in der Geschichte der Frauenbewegung erleben, ist das Engagement der Männer in dieser Sache. Auch sie identifizieren sich nicht mehr mit der klassischen Rolle des Familienernährers und Vollzeit-Karrieremachers. Viele wünschen sich eine Wahlfreiheit, für ihre Kinder da sein zu können und Vielfalt in den Führungsteams. Das Aufbrechen eben dieser früher streng hierarchischen Führungs- und Unternehmenskultur eröffnet Frauen bisher nie dagewesene Chance auf echte Gleichberechtigung.

TATC: Wo hat es gehapert?

MM: Es hapert immer noch an Frauen in Führungspositionen. Da scheint es eine gläserne Trennscheibe zu geben, die noch nicht durchlässig ist. Oft wird den Frauen dafür die Schuld zugewiesen, sie würden das nicht genug wollen oder sich nicht gut genug verkaufen oder nicht ausreichend netzwerken.

Ich halte nicht viel von dem „Fixing the women“-Ansatz. Mein Credo lautet „Start fixing the system“. Ich bin davon überzeugt, dass nur Frauen und Männer gemeinsam unsere Vision auf einer vielfältigen und gleichberechtigten Welt erreichen können. Wir müssen gemeinsam definieren, wie diese Welt aussieht. Dazu brauchen wir eine neue Kommunikationskultur. Im Netz wird allzu oft mit Totschlagargumenten diskutiert.

Damit wir eine Durchlässigkeit für Frauen in Spitzenpositionen in Unternehmen, auf Bühnen und in den Medien erreichen, brauchen wir eine neue Führungs- und Unternehmenskultur. Führung muss künftig in Teilzeit möglich sein. Das wird noch viel zu wenig gelebt, auch weil das Verständnis von guter Führung sich erst langsam wandelt. Wir brauchen Organisationen, die viel stärker auf Netzwerke und Fachkompetenzen setzen als Hierarchien.

Die Vorreiter in diesen Bereich sind noch viel zu wenig sichtbar. Da braucht es Best Practices.

TATC: Gibt es bestimmte Vorurteile, mit denen Frauen sich in dem Bereich oft konfrontiert sehen?

MM: Tatsächlich hören wir aus unserer Community immer noch oft, dass jenseits des Developer-Umfelds die Meinung vorherrscht, dass man mit Frauen nicht in technische Details gehen sollte. Oder dass sich Frauen entschuldigen, technisch nicht so tief drin zu sein und dann andere GesprächspartnerInnen hinzufügen.

Leider werden diese Rollenklischees bereits in früher Jugend geprägt. Da brauchen wir eigentlich bereits im Grundschulalter neue Ansätze in der digitalen Bildung und schon in der frühkindlichen Erziehung eine Reflexion der Rollenklischees.

TATC: Welche Perspektiven seht ihr für Frauen in der Digitalbranche und wie werden sie am besten umgesetzt?

MM: Die Digitale Transformation bringt viele Chancen für Frauen mit sich. Nicht nur in der Digitalbranche. Da sind einerseits die digitalen Kommunikationswege: Sie treiben Vernetzung voran und ermöglichen den einfacheren Zugang zu Informationen – online wie offline. Außerdem verändert sich die digitale Arbeitswelt grundlegend. Remote-Arbeitsplätze ermöglichen es Frauen UND Männern, Arbeit und Familie besser zu verbinden. Es entstehen völlig neue Berufsbilder und durch die Schnelligkeit der Veränderungen entstehen momentan Leerräume und erhöhte Bedarfe nach Arbeitskräften. Vor allem in den Bereichen IT und Technik. Zusammen mit dem wachsenden Bewusstsein für die Notwendigkeit diverser Teams, steigen hier die Chancen für Frauen, diese Leerstellen zu füllen – auch als Quereinsteigerinnen. Aber auch auf einer stärker übergeordneten Ebene ergeben sich Chancen für Frauen.

Im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz und zunehmender Automatisierung wird häufig die Frage gestellt, welche Kompetenzen den Menschen noch erforderlich machen. Hier werden häufig die Punkte Empathie, Neugier, Problemlösungs- und Sozialkompetenzen genannt. Wenn nur ein Teil der Geschlechterstereotype stimmt, sind Frauen hierfür bestens gerüstet. Das gleiche gilt auch für das neue Führungsverständnis, das die Digitale Transfomation verlangt und schafft – häufig unter dem Begriff Digital Leadership diskutiert. Moderne Führung baut auf Partizipation, Kooperation und Vernetzung. Sie ist offen und Enabler, statt Zentrum der Macht. Hier bestehen für Frauen neue Chancen in Führung zu gehen und sich persönlich weiter zu entwickeln und umzuorientieren.

TATC: Was empfehlt ihr jungen Frauen, um ihre Träume oder Ziele zu erreichen?

MM: „Nicht schnacken, machen“ ist unsere Devise. Und natürlich auf Net Work Power zu setzen.

TATC: Was sind eure Zukunftspläne für die DMW?

Unser Fernziel ist es, uns überflüssig zu machen. Bis dahin arbeiten wir daran, Frauen zu vernetzen und sichtbar zu machen. Im Hintergrund ziehen wir mit Medien, Veranstaltern, Unternehmen und Politik an einem Strang, um die Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Teilhabe zu schaffen.

TATC: Welche Projekte gibt es aktuell?

MM: Ganz aktuell planen wir unsere #30mit30 Kampagne. Da suchen wir innerhalb der nächsten 30 Wochen 30 Unternehmen in Deutschland, die in den letzten drei bis fünf Jahren ihren Frauenanteil in Führungspositionen auf über 30 Prozent erhöht haben. Von ihnen wollen wir lernen, was sie motiviert hat, daran zu arbeiten, wie sie vorgegangen sind, um das Ziel zu erreichen und was sich seitdem verändert hat. Es gibt viele Studien, die belegen, dass Frauen und Unternehmen gewinnen, wenn sie diesen Weg einschlagen. Wir machen den Realitycheck und teilen die Best Practices.

TATC: Was sind deine drei Lieblingsapps?

MM: Facebook ist meine am häufigsten genutzte App, allerdings gehört sie nicht zu meinen Lieblingsapps. Ich liebe Headspace für meine morgendliche Meditation. Streaks, um mich bei bestimmten Gewohnheiten zu disziplinieren und 1Password. Ich habe mittlerweile über 200 Logins zu allen möglichen Plattformen. Ich muss nie wieder Passwörter suchen oder neu anfordern. Ich habe mir ausgerechnet, dass ich dadurch jährlich eine Woche Lebenszeit einspare.

TATC: Welches technische Gerät muss deiner Meinung nach unbedingt erfunden werden?

MM: Tagtäglich erlebe ich, wie Menschen nicht Verantwortung für Ihr Handeln übernehmen wollen oder wie Menschen die Verantwortung für andere, für größere Aufgaben, für etwas, das nicht nur ihr Leben, sondern auch das anderer betrifft, scheuen. Wenn es einen Chip gäbe, den man Menschen einpflanzen könnte, damit sie ein Bewusstsein für Verantwortung entwickeln oder es schärfen – das fände ich toll.

Vielen Dank für das spannende Interview, liebe Maren!

Foto: Raimund Verspohl

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