21 May, 2019, 16:37

Aufgeklärt: Diese 8 Recycling-Mythen stimmen nicht

Deutschland. Land des Recycelns. Land der Gelben Tonne und des Grünen Punkts. In den letzten Jahren scheint sich Deutschland, auch technisch, zu einem wahren Recycling-Weltmeister gemausert zu haben und wir werfen weg, was das Zeug hält. Dabei kommen jedoch immer wieder einige Fragen auf, die wir heute beantworten möchten, denn diese Recycling-Mythen stimmen nicht.

#1 Recycling gibt es erst seit wenigen Jahren

Das stimmt so nicht. Schon in der Antike wurde recycelt. Zum Beispiel ist das Einschmelzen von kaputtem bzw. altem Glas seit jeher ein gängiges Mittel, um neue Glasprodukte zu produzieren. Auch Lebensmittelreste wurden schon immer recycelt – vor allem in Form von Düngemitteln. Vor der Industrialisierung wurden auch Holz- und Metallgegenstände immer wiederverwertet. Allein aus dem Grund, dass man es sich nicht leisten konnte, wertvolle Materialien zu verschwenden. Jedoch wurde das Duale System der Müllentsorgung (Der Grüne Punkt) so wie wir es heute kennen tatsächlich erst in den Neunziger Jahren in Deutschland eingeführt.

#2 Aus altem Plastik wird neues Plastik

Viele glauben, dass unser Recycling-Prozess super nachhaltig ist und wir damit wahre Weltmeister*innen (siehe #4) im Recycling sind. Das stimmt so aber leider nicht. Viele Kunststoffe sind Verbundstoffe und bestehen aus verschiedenen Materialien. Diese zu trennen und wieder zu neuem Plastik zu verarbeiten, ist oft nicht möglich – oder nur mit sehr hohem Energieaufwand. Außerdem lassen sich nicht alle Kunststoffe hochwertig und stabil recyceln, das heißt viele Kunststoffe eignen sich nicht für neue Verpackungen. Mehr als die Hälfte aller entsorgten Kunststoffe landen deswegen in der Müllverbrennungsanlage. Immer mehr Hersteller achten jedoch darauf, Plastikverpackungen aus hundertprozentig recyceltem Material herzustellen und die Verpackungen so zu gestalten, dass diese auch wieder in der Gänze in den Recycling-Kreislauf zurückgeführt werden können. Außerdem kannst du selbst beim Entsorgen darauf achten alle Stoffe gut zu trennen (zum Beispiel Deckel immer von der Verpackung trennen, Aluminium vom Kunststoff lösen) und somit einige Probleme der Verbundstoffe vor dem Entsorgungsprozess vermeiden. Bis vor einigen Jahren konnten aus alten Kunststoffen nur minderwertige Kunststoffe hergestellt werden, die dann zum Beispiel für Blumenbehälter oder Mülltüten herhalten konnten. Man spricht hier von sogenanntem Downcycling. Entsteht aus einer alten Plastikflasche tatsächlich wieder eine Plastikflasche, nennt man dies Recycling. Und wenn aus altem Kunststoff zum Beispiel Polyester für Fleecepullover hergestellt wird, handelt es sich um Upcycling. Alle diese Verfahren sind jedoch meistens sehr energieaufwändig und verbrauchen jede Menge Erdöl, weshalb die Vermeidung von Plastik noch immer der beste Weg ist.

Nicht jede Kunststoffverpackung eignet sich dazu recycelt zu werden. © Josep Curto/Shutterstock.com

#3 Bio-Kunststoff ist kompostierbar

Wie gerne hätten wir eine nachhaltige Lösung für die großen Plastikmengen. Und scheinbar werden ja auch einige davon angeboten. Immer wieder begegnen uns im Alltag kompostierbare Plastikstoffe. Vor allem Verpackungen aus dem Bio-Laden „werben“ mit der vermeintlich umweltfreundlichen Variante. Aber auch immer mehr Restaurants und Cafés setzen auf kompostierbare Löffel und Strohhalme. Leider sind diese aber nur in der Theorie kompostierbar – oder auf dem eigenen Komposthaufen. Doch wer hat den schon? Werden Biokunststoffe regulär über den Hausmüll in der Biotonne entsorgt, müssen diese in der Recyclinganlage aussortiert werden, da der Zersetzungsprozess einer Biokunststoffverpackung für industrielle Anlagen zu langsam vonstatten geht. Die aussortierten Kunststoffe landen dann wiederum in der Müllverbrennungsanlage. Biokunststoff ist somit keine wirkliche Alternative zu Plastik, wenn man keinen eigenen Komposthaufen besitzt.

#4 Die Deutschen sind Recycling-Weltmeister*innen

Das stimmt leider nur in Teilen. Denn ja, Deutschland ist sicherlich Vorreiter, was das Recyclingsystem als solches angeht. Leider ist aber auch ein Aufwärtstrend von der Menge der Plastikmaterialien seit Einführung des Dualen Recyclingsystems zu verzeichnen. Heißt also, je mehr wir glauben die Dinge einfach recyceln zu können, desto mehr Plastik wird produziert bzw. konsumiert. Deutschland war 2016 mit knapp 38 Kilogramm pro Einwohner*in nach Estland und Irland auf Platz 3 der Menge der Plastikverpackungsabfälle. Außerdem werden große Teile des Plastikmülls in andere europäische Länder und den asiatischen Raum verkauft, wo sie wiederum in Verbrennungsanlagen entsorgt werden. Am meisten Plastik wird dabei nach Malaysia (131.500 Tonnen) und in die Niederlande (121.000 Tonnen) exportiert. China hat 2018 die Schotten für deutschen Plastikmüll dicht gemacht. Sie wollen nicht länger unsere Masse an Abfall annehmen. In Wahrheiten sind wir also Plastikmüll-Weltmeister*innen.

#5 Deutschland hat ein besseres Recyclingsystem als viele Länder des globalen Südens

Wie bereits erwähnt, ist Deutschland rein technisch sehr gut aufgestellt, was das Recyclingwesen angeht. Jedoch ist Deutschland bei weitem nicht Vorreiter, was die Müllproblematik in Gänze angeht. Viele Länder sind mit ihren gesetzlichen Regelungen wesentlich weiter, nachhaltiger und zukunftsorientierter. In Ruanda zum Beispiel ist die Einfuhr von Plastik bereits seit 2008 verboten. Diese gesetzliche Regelung wird bei Grenzübertritt kontrolliert und mit Strafen belegt, wenn es nicht eingehalten wird. Auch in Indonesien tut sich viel. Dank der Initiative von ‚Bye Bye Plastic Bags‘ hat die indonesische Regierung Einwegplastik seit 2019 verboten. Da kann sich Deutschland definitiv noch einiges abgucken. Ab 2021 soll jedoch die neue EU-Richtlinie zum Verbot von Einwegplastik in Kraft treten.

Deutschland hat zwar gute Recyclinganlagen, es wird jedoch viel zu viel Müll insgesamt produziert, um damit wirklich fortschrittlich zu sein. © hiv360/Shutterstock.com

#6 Der Müll landet doch sowieso in einer Anlage

Ein Recycling-Mythos, der sich hartnäckig hält: Alles, was wir fein säuberlich trennen, wird am Ende sowieso wieder zusammen gekippt. Das stimmt so nicht. Wenn es entsprechende Recyclingsysteme gibt, werden die einzelnen Materialen – also Glas, Altpapier, Kunststoffe, Metalle usw. – auch einzeln getrennt aufbereitet. Leider sind eben nicht alle Materialien gut recycelbar, sodass einiges von dem getrennten Müll in der Müllverbrennungsanlage landet. Außerdem sind nicht alle Kommunen gleich gut ausgerüstet. Während es in manchen Städten für jeden Rohstoff einzelne Tonnen gibt und diese auch einzeln recycelt werden, hat München bis heute kein System für Gelbe Säcke oder die Gelbe Tonne. Plastikmüll kann dort nur recycelt werden, wenn dieser zu sogenannten Wertstoffinseln gebracht wird. Und nicht jede*r Münchener*in ist bereit diesen Weg auf sich zu nehmen. Somit landet einiges an Plastikmüll im Restmüll, wo es nicht recycelt werden kann.

#7 Kaffeekapseln sind sehr umweltschädlich

Oftmals ist die Frage nach der Umweltfreundlichkeit eine Frage der Perspektive und vor allem der Menge. In einem Single-Haushalt ist die Verwendung einer Kapsel-Kaffeemaschine nicht unbedingt verwerflicher als die Verwendung einer Siebträgermaschine. Denn für diese muss wesentlich mehr Energie aufgewendet werden, um den Kaffee zu brühen. Wenn die Kaffeekapseln aus reinem Aluminium bestehen und fachgerecht entsorgt werden, ist die Umweltbelastung damit nicht unbedingt größer als bei anderen Maschinen. Dennoch entstehen durch die Kapsel-Kaffeemaschine um die 5000 Tonnen Müll allein in Deutschland. Recyceln hin oder her, am umweltfreundlichsten ist dann immer noch das Brühen per Hand.

#8 Glasbehälter sind besser als Dosen

Die umweltfreundlichste Variante im Supermarkt scheint häufig der Glasbehälter zu sein. Und so schleppen wir uns durchaus manchmal ab, um möglichst nachhaltig unterwegs zu sein. Die Wahrheit ist jedoch: Keine der beiden Alternativen ist wirklich nachhaltig. Eine Dose verbraucht viel Energie in ihrer Herstellung. Die Gläser sind als Einweggläser nicht besser, denn sie verbrauchen wiederum sehr viel Energie in ihrem Recyclingprozess. Untersuchungen zeigen, dass die Dose etwas besser in ihrer Energiebilanz abschneidet als Einwegglas. Hier kommt jedoch ein weiteres Problem hinzu: Viele Dosen sind innen mit Kunststoffen bezogen, die die Korrosion des Metalls vermeiden sollen. In diesen Kunststoffen steckt oftmals die Chemikalie Bisphenol A – besser bekannt als BPA, welches als gesundheitsschädlich eingestuft ist. Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte also dennoch zur Glasvariante greifen.

Am Ende bleibt es dabei: Je besser wir selbst informiert sind und unseren Müll trennen, umso effektiver kann dieser recycelt werden. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn es auch seitens der Regierung stärkere Bestrebungen gäbe dem Müll Herr zu werden. In einer repräsentativen Umfrage von 2018 (Quelle: Statista) fordern immerhin 45 Prozent der Befragten eine Erhöhung der Regierungsausgaben, um den Umfang recycelbarer Produkte zu erhöhen. Insgesamt 59 Prozent fordern eine höhere Besteuerung von Geschäften, die nicht recycelbare Produkte verwenden oder nicht recycelbarer Produkte, um deren Preise generell zu erhöhen.

Was sollte eurer Meinung nach im Recyclingsystem passieren, damit wir fortschrittlicher mit unserem Müll umgehen?

Titelbild: 279photo Studio/Shutterstock.com

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