16 October, 2018, 03:56

Women in Tech: Kati, Farina und Nora – Gründerinnen von Selfapy

Wer sich wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung begeben möchte, steht oft vor einer Reihe Probleme. Seelische Leiden gelten immer noch als Tabuthema und vielen Betroffenen fällt es schwer, sich zu öffnen und professionelle Hilfe zu suchen. Ist die erste Hürde überwunden, müssen sie oft monatelang auf einen Therapieplatz warten, weil es zu wenig Angebot auf zu viel Nachfrage gibt. Mit dem Onlineangebot Selfapy bieten Katrin Bermbach, Nora Blum und Farina Schurzfeld Betroffenen die Möglichkeit, lange Wartezeiten zu überbrücken und mit den eigenen Problemen nicht allein zu sein. Das Tech Start-up aus Berlin möchte psychische Gesundheit für jeden zugänglich machen und ist für diese Idee erst dieses Jahr mit dem Edition F Award ausgezeichnet worden. Er wird jährlich 25 tollen Frauen verliehen, deren Erfindungen unsere Welt besser machen. Wir haben mit den drei Gründerinnen über ihr Angebot, Herausforderungen und Visionen gesprochen.

Tech and the City: Wie seid ihr auf die Idee von Selfapy gekommen?  

Nora: Die Idee zu Selfapy reifte während meiner Studienzeit an der University of Cambridge heran. Hier traf ich zum ersten Mal auf meine heutige Mitgründerin Kati. Da wir beide Psychologie studierten, landeten wir sehr schnell bei der Frage, wie es sein kann, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen so lange auf professionelle Hilfe warten müssen und zugleich mit zahlreichen Tabus und Stigmatisierungen konfrontiert sind. Sie sind häufig auch Auslöser dafür, dass die seelischen Leiden ganz und gar unbehandelt bleiben. Viele schämen sich, spielen ihre Symptome herunter und mögen sich niemandem anvertrauen. Dabei sind psychische Erkrankungen genauso ernst zu nehmen wie physische.

Kati: Und wenn Betroffene es einmal geschafft haben, professionelle Stellen zu kontaktieren, müssen sie um einen Therapieplatz bangen, weil die Wartelisten voll sind. Dies erlebte ich hautnah während meiner Forschungstätigkeit an der Charité mit, wo ich Menschen mit psychischen Problemen jeden Tag mitteilen musste, dass es keinen Therapieplatz für sie gibt.

Nora: Als angehende Psychologinnen frustrierte uns diese Aussicht. Klar war, dass wir gute Arbeit als Therapeutinnen leisten könnten, aber die Versorgungssituation bliebe die Gleiche – zu wenig Psychotherapeuten mit einer Kassenzulassung und zu viele Betroffene. Viele warten im Schnitt bis zu sechs Monate auf einen Therapieplatz, in strukturschwächeren Regionen sogar bis zu acht. Zudem gibt es kaum eine Möglichkeit, sich trotz des Stigmas anonym Hilfe zu suchen. Für jemanden, der dringend Hilfe benötigt und sich aufgrund einer psychischen Erkrankung in seinem Alltag beeinträchtigt fühlt, sind dies einfach zu viele Hürden. Es musste also eine Lösung her, die Betroffenen jetzt und gleich Hilfe bietet. So entstand Selfapy: Kein Ersatz, sondern ein Rückhalt für alle Gestrandeten, die aus welchen Gründen auch immer, keine Psychotherapie in Anspruch nehmen können oder wollen.

Screenshot Selfapy Webseite

TATC: Was genau bietet ihr an und an wen richtet sich das Angebot?

Farina: Bei Selfapy können sich Menschen mit verschiedenen psychischen Erkrankungen anonym für Online Therapiekurse registrieren, bei denen sie optional einmal wöchentlich mit unseren Psychologen telefonieren, skypen oder chatten können. Neben dem Depressionskurs bieten wir Stresskurse, Programme für Menschen mit generalisierter Angststörung, Panik & Phobie, sowie Essstörungen an. Auch Angehörige von Menschen mit einem gestörten Essverhalten können sich bei uns anmelden.

TATC: Ersetzt Selfapy die Therapie beim Psychotherapeuten?

Nora: Selfapy soll die herkömmliche Psychotherapie nicht ersetzen. Unser Ziel mit Selfapy ist es, die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz sinnvoll zu überbrücken. Außerdem können unsere Kurse in der Prävention sowie in der Nachsorge, zum Beispiel nach einem stationären Aufenthalt zum Einsatz kommen. Für manche Betroffene lässt sich eine Online-Therapie auch einfacher in den Alltag integrieren, da die Kurse flexibel bearbeitet werden können und die Gespräche auch von zu Hause am Telefon geführt werden.

TATC: Wie laufen die Kurse ab?

Farina: In einem kostenlosen und unverbindlichen Erstgespräch mit einem Psychologen können wir gemeinsam entscheiden, welcher Kurs für den Nutzer in Frage kommt und dann kann es direkt losgehen. Alle Kurse haben eine Dauer von neun Wochen, können aber in verschiedenen Paketen gebucht werden. Vom Schnupperkurs bis hin zur psychologisch begleiteten Online-Therapie basieren alle Programme auf den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Betroffene erlernen dabei mit Hilfe von Videos, Texten und lebensnahen Übungen, Verhaltensstrategien, die ihnen helfen, sich besser zu fühlen. Beim Depressionskurs geht es beispielsweise in den ersten Modulen darum, seinen Tag zu strukturieren, seine negativen Gedanken zu verstehen und seine Ressourcen zu stärken. Wenn gewünscht, findet zusätzlich ein wöchentliches Gespräch mit einem persönlichen Psychologen via Skype, Chat oder Telefon statt. Dies kann bequem von zu Hause aus zwischen 8 Uhr und 22 Uhr täglich, also auch am Wochenende, erfolgen.

Screenshot von Selfapy Webseite

TATC: Wie schafft ihr es, online zu arbeiten und trotzdem das Vertrauen zu euren Nutzern aufzubauen?

Kati: Bei Selfapy stehen Gesichter dahinter. Wir haben einen erlesenen Pool an Psychologen, die bei uns vor Ort sitzen, sich kennen und ihre Erfahrungen austauschen. Wer bei Selfapy Hilfe sucht, kann sehen und lesen, wer die Person am anderen Ende des Hörers ist, welchen Werdegang er oder sie verfolgt hat und auf welche Bereiche der Psychologe besonders spezialisiert ist. Zusätzlich verteilen unsere Psychologen hilfreiche Tipps über den Selfapy Blog. Uns ist es wichtig, von Anfang an, einen sehr persönlichen und auf die individuellen Bedürfnisse der Nutzer abgestimmten Kontakt zu halten. Sie haben jederzeit die Möglichkeit, mit uns im Chat, über das Telefon oder via Skype in Verbindung zu treten.

TATC: Woher bekommt ihr euer Feedback?

Farina: Wir bekommen unser Feedback über die verschiedensten Kanäle zurückgespielt: Sei es über direkte Rückmeldung vom persönlichen Psychologen des Nutzers, per Email oder über die sozialen Kanäle. Für uns ist das Feedback unserer User sehr wichtig, da wir dementsprechend auch stetig die Therapiekurse anpassen und verbessern.

TATC: Wer übernimmt bei euch den technischen Part?

Nora: Wir haben ein Team aus fünf Entwicklern, die den technischen Part bei Selfapy übernehmen. Farina ist unsere Produkt Spezialistin, sie leitet gemeinsam mit unserem CTO Yegor das Tech Team.

TATC: Vor welche technischen Herausforderungen hat euch Selfapy gestellt?

Nora: Einen Bereich – Psychotherapie- der traditionell vor Ort und face-to-face abläuft komplett digital aufzubereiten war die größte Herausforderung. Als CE-zertifiziertes Medizinprodukt haben wir hohe Standards. Wir wollen kein Lifestyle Produkt sein, sondern eine wirksame Therapie. Das ganze technisch abzubilden ist nicht einfach.

Screenshot der Website von Selfapy

TATC: Welche positiven bzw. negativen Erfahrungen habt ihr gemacht, weil euer Gründerteam aus drei Frauen besteht?

Farina: Eigentlich bisher nur positive! Wir drei sprechen sehr frei miteinander, alle Probleme und Themen werden immer sofort offen kommuniziert, das hatte ich in der Arbeit mit Männern bislang nicht immer so. Klar wird man als Frau in manchen Bereichen zunächst erstmal unterschätzt, aber solche Vorurteile kann man oft schnell aus dem Weg räumen.

TATC: Welchen Ratschlag würdet ihr anderen Frauen vor dem Start eines Onlineangebots geben?

Traut euch etwas anzubieten, wofür euer Herz schlägt.

TATC: Was sind eure drei Lieblingsapps?

Headspace, Wunderlist und Freeletics.

TATC: Ohne welches technische Gerät könnt ihr nicht leben?

Kaffeemaschine.

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