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Women in Tech: Lina und Eva Wüller von Ovy

Women in Tech: Lina und Eva Wüller von Ovy

Ovy App und Basalthermometer im Test

Pille absetzen, hormonfreie Verhütungsmethoden vergleichen, den eigenen Zyklus entdecken. Noch nie habe ich mit meinen Freundinnen so viel über dieses Thema gesprochen wie in letzter Zeit. Fast alle von uns haben schon recht früh die Pille genommen, ohne Nebenwirkungen und Co. überhaupt einmal zu hinterfragen. Frauenärzte haben schließlich selten darauf hingewiesen und das Medikament lieber bereitwillig aus allerlei Gründen verschrieben – zum Beispiel gegen unreine Haut oder Regelschmerzen.

In letzter Zeit ist das Thema vermehrt in den Fokus gerückt und es gibt zahlreiche Diskussionen rund um den kleinen weißen Drops. Richtig und wichtig, denn Begleiterscheinungen wie Migräne, der Verlust der Libido oder sogar Depressionen sind bei langjähriger Einnahme nicht unüblich und sollten niemals auf die leichte Schulter genommen werden. Vom Risiko einer Thrombose und Co. ganz zu schweigen. Auch in der Wissenschaft reagiert man auf diese Entwicklungen, smarte Gadgets wie das Ava Band oder Trackle machen hormonfreie Verhütung durch Technik möglich.

Genau wie Ovy – eine Zyklus-App mit Basalthermometer, die anhand der Aufwachtemperatur und anderen Körpersignalen den Tag des Eisprungs, (un-)fruchtbare Phasen sowie den Zeitpunkt der nächsten Periode berechnet. Wir haben das Produkt getestet und mit den beiden Gründerinnen Lina und Eva Wüller über die Entstehung und innovative Funktionen der App geplaudert.

Eva und Lina Wüller, Gründerinnen der Ovy App
Foto: Ovy

Tech and the City: Auf euer Webseite kann man lesen, dass die Idee zu Ovy aus einer persönlichen Geschichte entstanden ist. Was steckt dahinter?

Lina Wüller: Meine Schwester und ich haben schon vor vielen Jahren entschieden, auf hormonelle Verhütungsmittel zu verzichten, da die möglichen Risiken einfach zu hoch waren. Bei Eva hat die symptothermale Methode, bei der man seine Temperatur und seinen Zervixschleim auswertet, einwandfrei funktioniert. Ich habe mich bei mehreren Gynäkologen nach einer alternativen, natürlichen Verhütungsmethode erkundigt, die mir alle ebenso rieten, meinen Zyklus mit der Temperaturmethode zu tracken. Das Ergebnis: Ich wurde ungewollt schwanger.

Uns war klar, dass es nicht an der Methode lag – die ist schließlich seit den 20er-Jahren wissenschaftlich anerkannt – sondern an der fehleranfälligen Art der Aufzeichnung. Die Zyklus-Apps, die es bereits auf dem Markt gab, berücksichtigten entweder keine Temperaturwerte im Algorithmus oder waren sehr umständlich in der Nutzung. Wir haben daher beschlossen, die symptothermale Methode endlich sicher und nutzerfreundlich für alle Frauen zu machen, die keine Lust mehr auf Pille & Co. haben.

TATC: Wie funktioniert Ovy genau?

LW: Ovy verbindet eine Zyklus-App und ein Basalthermometer, mit dem man jeden Morgen seine Aufwachtemperatur auf zwei Nachkommastellen genau misst. Zusätzlich kann man weitere Körpersignale wie Zervixschleim, Stimmung, Schlaf oder auch mögliche Störfaktoren wie Alkoholkonsum oder Reisen eingeben. Der Algorithmus berechnet dann anhand der gesammelten Datenpunkte den Eisprung, die fruchtbaren Tage und nächste Periode.

Wir haben außerdem einen Ovy Health Coach integriert, der basierend auf der aktuellen Zyklusphase der Nutzerin smarte Hacks zu Ernährung, Fitness und Beauty gibt. Der Körper hat schließlich in jeder Phase ganz bestimmte Bedürfnisse.

TATC: Du hast Ovy gemeinsam mit deiner Schwester gegründet. Was sind jeweils eure Aufgaben?

LW: Am Anfang gibt es so viele Baustellen, dass jeder einfach alles macht, was anfällt. Mittlerweile haben wir die Bereiche so eingeteilt, dass Eva sich vor allem um den Tech- und Performance-Bereich kümmert und Lina sich um Marketing und Business Development Themen kümmert. Für die Hardware haben wir einen externen Partner. Wir sind aktuell dabei, unser Team zu verstärken. Wie in jedem Startup suchen wir vor allem Entwickler für die App.

TATC: Weshalb ist die Zykluskontrolle für Frauen so wichtig?

LW: Viele Frauen fangen bereits in jungen Jahren, oft schon im Teenager-Alter, an, hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille zu nehmen. Das ist anfangs bequem und die Pharmaindustrie verspricht schöne Haut, und eine leichte, nahezu schmerzfreie Periode mithilfe der Pille. Dadurch wird es überflüssig gemacht, sich intensiv mit seinem Körper auseinanderzusetzen und das wiederum führt später zu großen Wissenslücken. Mit Ovy wollen wir Frauen überzeugen, ihren Zyklus richtig kennenzulernen und dadurch ein neues Körperbewusstsein zu entwickeln. Wenn man anfängt, seinen Zyklus und die begleitenden Körpersignale zu tracken, kann man nicht nur seine Familienplanung oder Verhütung damit unterstützen, sondern lernt auch, wie man seinen Alltag – z. B. die Ernährung oder Fitnessroutine – mehr nach seinen Hormonen ausrichten kann. Wir sehen hier ein riesiges Potenzial für Frauen, sich einfach besser zu fühlen.

TATC: Würdet ihr Ovy auch als hormonfreie Verhütungsmethode empfehlen oder nur für die Familienplanung?

LW: Ovy ist zwar ein zertifiziertes Medizinprodukt, aber noch kein zertifiziertes Verhütungsmittel, weshalb wir es aktuell noch nicht als solches kommunizieren. Die symptothermale Methode, auf der Ovy basiert, ist seit Jahrzehnten wissenschaftlich anerkannt und gilt als sichere, hormonfreie Verhütungsmethode – mit einem Pearl Index von 0,3. Bei einer konsequenten Messung und Schleimbeobachtung über einen Zeitraum von drei Monaten und einer gewissenhaften Anwendung ist diese Methode also sehr sicher.

Wenn eine Schwangerschaft für die Frau z. B. lebensbedrohlich wäre, raten wir klar davon ab, ausschließlich Ovy zur Verhütung zu nutzen und Geschlechtsverkehr zwingend mit einem zusätzlichen Kondom zu haben. Gleiches gilt für Teenager, die noch unregelmäßige Zyklen haben.

TATC: Bald soll es bei euch auch ein Bluetooth-Thermometer geben. Welche Vorteile hat das?

LW: Das Bluetooth-Thermometer überträgt die gemessene Temperatur automatisch in die App, sodass die Nutzerin sie nicht mehr manuell eingeben muss. Das ist einerseits bequem und spart Zeit, vor allem aber verringert es zusätzlich die Fehleranfälligkeit bei der Nutzung.

TATC: Eure App hat einen integrierten Health Trainer. Welche Tipps erwarten die Nutzerinnen?

LW: Wir wollen den Nutzerinnen smarte, alltagstaugliche Tipps an die Hand geben, mit denen sie ihr Wohlbefinden auf Basis ihrer aktuellen Zyklusphase steigern können. Konkret stellen wir Vorschläge zu Ernährung, Fitness und Beauty zur Verfügung, z. B.: Welche Nährstoffe braucht der Körper rund um den Eisprung? Welche Fitness-Übungen eignen sich während der Menstruation, um Beschwerden zu lindern? Was braucht die Haut, wenn sie kurz vor der Periode zu Unreinheiten neigt? Ovy soll den Frauen helfen, ihren Zyklus zu “hacken” und ihre reproduktive Gesundheit zu verbessern – egal ob sie einen Kinderwunsch hat oder nur ihren Zyklus verfolgen möchte.

TATC: Was unterscheidet euch von anderen Zyklus-Apps?

LW: Langfristig sehen wir hinter Ovy viel mehr als nur eine Zyklus-App. Obwohl alle Vorhersagen auf der Basaltemperatur und der Beobachtung des Zervixschleims basieren, soll Ovy noch viel mehr tun, als “nur” Eisprung, fruchtbare Tage und Periode zu berechnen. Mithilfe des Health Coach soll jede Frau ihre invidivuellen “Fertility Goals” erreichen.

TATC: Welche sind eure persönlichen Lieblingsapp und warum?

LW: Eva trackt ihre Gesundheit mit der Apple Watch und mit Apps wie Myfitnesspal und Gyroscope. Lina ist ein großer Fan der Freeletics Apps und hat gerade die Headspace App für sich entdeckt.

Ovy App zum Zyklustracking im Test

Ausprobiert – Zyklustracking mit Ovy

Seit ich im Februar die Pille abgesetzt habe, nutze ich Natural Cycles – die erste zertifizierte App zur Verhütung. Da diese ebenfalls über die Temperaturmethode funktioniert, fand ich es spannend, meinen Zyklus in beiden Apps miteinander zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zu entdecken. Doch wie praktikabel ist das Ganze wirklich?

Anwendung:
Im Prinzip funktioniert Ovy ganz einfach: Morgens nach dem Aufwachen misst man zunächst die Temperatur, trägt sie in die App ein und kann anschließend noch weitere Körpersignale wie den Ausfluss, Stärke und Schmerzen während der Periode, Krankheiten, die Schlafdauer, Stimmung oder sportliche Aktivitäten hinzufügen. Anhand dieser Eigenschaften ermittelt Ovy dann durch einen Algorithmus, ob eine mittlere, hohe oder keine Chance auf Schwangerschaft besteht.

Gerade im ersten Monat fand ich es morgens etwas schwierig, tatsächlich immer brav meine Temperatur zu messen. Die Messung soll nämlich immer zur gleichen Zeit direkt nach dem Aufwachen erfolgen. Unter der Woche bin ich zwar Early Bird, aber am Wochenende klingelt dann eben doch nicht immer um 7 Uhr der Wecker. Manchmal stehe ich auch direkt auf, ohne erst mal auf mein Handy zu schauen. Dann verpasse ich allerdings den praktischen Ovy-Reminder auf dem Smartphone und das Ergebnis ist leider verfälscht, weil man sich vor der Messung nicht bewegen darf.

Nach etwa drei Monaten hat es sich bei mir ganz gut eingespielt und ich vergesse nur noch wenige Messungen. Was sich bei mir bewährt hat: Das Thermometer vor dem Schlafengehen aufs Smartphone legen, so wird man gleich morgens an Ovy erinnert.

Funktionen:
Optisch und von der Handhabung gefällt mir die App sehr gut. Der Zyklus ist im Dashboard passenderweise durch einen Kreis symbolisiert, der die Periode, fruchtbare Phasen und den aktuellen Tag anzeigt. Außerdem bekommt man seine Temperaturkurve und eine Übersicht der eingetragenen Körpersignale auf einen Blick. In der Kalenderfunktion kann man sich fruchtbare und nicht-fruchtbare Tage anzeigen lassen. Ist der Zyklus komplett, steht ein Report als Download bereit.

Besonders spannend finde ich den integrierten Health Coach. Hier erhält man jede Menge Infos über die jeweilige Zyklusphase, was währenddessen im Körper geschieht und wie man das eigene Wohlbefinden im Hinblick auf Ernährung, Fitness oder Beauty-Treatments steigern kann. Dabei gibt es für jeden Bereich eine Auflistung von Dos und Dont’s sowie praktische Tipps zur Umsetzung.

Health Coach in der Ovy App

Fazit:
Tatsächlich würde ich jeder Frau eine Zyklus-App empfehlen. Während ich mich früher kaum damit auseinandergesetzt habe, verstehe ich mittlerweile viel besser, was während der 28 Tage eigentlich in meinem Körper passiert. Wieso ich an manchen Tagen (scheinbar grundlos) schlechte Laune habe, wieso ich mich an anderen Tagen glücklicher und aktiver fühle und wann ich mich überhaupt in welcher Phase befinde. An das tägliche Temperaturmessen gewöhnt man sich schon nach kurzer Zeit. Mittlerweile ist mein Zyklus laut beider Apps schon sehr regelmäßig.

Vor allem der Health Coach von Ovy ist ein super interessantes Feature, das ich so in noch keiner anderen App gesehen habe. Das cleane Design und die hübschen Bilder gefallen mir deutlich besser als bei anderen Anwendungen. Einziges Manko: Die Rezeptvorschläge klingen alle unheimlich lecker, leider gibt es aber keine ausführlichen Anleitungen dazu. Alles in allem hat mich Ovy absolut überzeugt und ich werde die App in Zukunft auf jeden Fall weiternutzen. Happy Tracking!

Kostenpunkt: 14,90 Euro für das Basalthermometer, die App gibt’s umsonst dazu. Hier könnt ihr euch schon mal für das neue Bluetooth-Thermometer registrieren. 

Ovy App Körpersignale hinzufügen

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