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Aufstieg im Netz - Wie konnte die AfD so schnell wachsen?

Aufstieg im Netz - Wie konnte die AfD so schnell wachsen?

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Für Viele ist es erschreckend zu sehen, wie viel Platz die AfD momentan in den öffentlichen Diskussionen einnimmt. Die Partei begegnet einem im Netz überall. Oft auch auf Seiten, auf denen man es nicht erwartet. Laut offiziellen Umfragen hat sie bei der Bundestagswahl am Sonntag mit 10-12 Prozent der Stimmen zu rechnen. Wie kann eine Partei, die erst vor vier Jahren gegründet worden ist, so ein starkes Wachstum erreichen? Ein Blick auf die Social Media Strategie macht deutlich, dass es keinesfalls Zufall ist.

Macht euch die Masse der radikalen Kommentare im Netz zur Zeit auch Angst? Man begegnet ihnen auf den Social Media Kanälen so gut wie überall. Wer sich die letzten Monate vor allem auf Facebook umgesehen hat, konnte gut beobachten, wie die AfD arbeitet. Und damit sind noch nicht mal ihre „Argumente“ oder die offensichtlich populistische Themenwahl gemeint. Es geht vor allem um die Vorgehensweise. Die angeblichen Deutschlandretter sind leider die einzigen, die verstanden haben, wie Social Media funktioniert – oder sie wussten zumindest, an wen man sich wendet. Es gibt eine klare Strategie und ein simples Konzept, um ihre Bekanntheit zu steigern. Diese kann man grob in drei Stufen teilen.

 

1. Fakeprofile in Kommentarspalten

Wer heutzutage die Medien im Netz verfolgt, weiß: Unter jedem politischen Artikel bzw. Video oder Blogpost sieht man in den Top 5 Kommentaren einen Pro-AfD-Nutzer und einen entsprechenden Kommentar. Dieser zieht mit einer möglichst extremen Haltung – vollkommen unabhängig von Argumenten – die Aufmerksamkeit auf sich. Klickt man auf diese Profile, sieht man, dass diese „Leute“ meist kaum oder manchmal sogar gar keine „Freunde“ auf der Plattform haben. Dafür ist aber die Timeline oft öffentlich und voller AfD Werbung. So bekommt die Partei eine kostenlose Werbefläche. Wer mit Social Media umgeht, weiß, dass nur circa 1-5 Prozent der Leser kommentieren. 95 Prozent der Leute, die einen Artikel sehen oder Kommentare lesen, sind stille Konsumenten. Das sind diejenigen, auf die diese Taktik abzielt. Man kommentiert mit den üblichen Parolen und lenkt jede Diskussion auf die gewünschten Punkte. Oft reichen zwei bis drei Kommentare, um eine Diskussion zu starten und diese – durch die gesteigerten Interaktionen – für jeden Leser sichtbar zu platzieren.

Die Umsetzung des Ganzen ist sehr simpel. Es gibt höchstens 25-30 Publikationen in Deutschland mit großer Reichweite (Bild, Focus, Welt, Zeit, FAZ etc.), dazu etwa zehn Fernsehsender und noch mal so viele Blogs (vor allem Sport- und Fußballblogs oder die Seiten von Prominenten sind hier im Fokus). Das kann man mit 8-10 Mitarbeitern einfach abdecken. Jeder einzelne verfügt über 4-5 solcher Profile und wechselt diese nach einer Zeit aus. Der Aufwand der Kommentare selbst ist sehr gering – vor allem durch die sich wiederholenden Themen. Das ist nichts, was selbst eine unterdurchschnittlich finanzierte Wahlkampfzentrale nicht stemmen könnte. Der Effekt jedoch ist riesig, da sich auf diesen Seiten Millionen von (stillen) Lesern befinden.

2. Bots

Jeder hat schon einmal von ihnen gehört. Tote Profile, die Likes und automatische Kommentare verteilen. Diese gibt es zuhauf. Und vor allem gibt es sie billig. Eine kurze Suche bei Google zeigt: 1000 Likes bekommt man für umgerechnet rund 15 Euro. Für die AfD spenden die Bots „Zuspruch“ zu Kommentaren (siehe oben) um die Top-Plätze zu belegen, folgen den Kandidaten auf entsprechenden Kanälen und liken deren Aussagen oder folgen Seiten, die AfD-nahe Themen besetzen. Das alles erweckt den Anschein von Größe und breiter Zustimmung zu den eigenen Thesen.

Das „Argument“ der „stummen Mehrheit“ wird somit für ein paar Cent den Klick unterfüttert. Man muss nur einmal den richtigen Automatismus aufzusetzen, danach ist es kinderleicht, Eindrücke von Meinungen und deren Wert in einer Diskussion zu manipulieren. Kennt ihr das Gefühl, wie es ist, seine Meinung zu äußern und der Gegenkommentar bekommt haufenweise Likes? Die AfD arbeitet gezielt mit diesem Mittel. Es schüchtert die Gegenseite ein und erweckt bei den eigenen Sympathisanten das Gefühl von Stärke. Mit den richtigen Tools bzw. der richtigen Agentur kann das jeder. Nur nutzt die AfD es als einziges breitflächig aus.

3. Gruppen

Wer die Aktion der PARTEI vor einigen Tagen in den Medien verfolgt hat, versteht grob, worum es geht. Die AfD und ihre Befürworter gründen massenweise Gruppen auf Facebook, in die automatisch Leute eingeladen werden, die sich bei bestimmten Seiten beteiligen oder bestimmte „Bekanntschaften“ haben (ja, man glaubt es kaum, aber es gibt Leute, die so dämlich sind, sich mit einem AfD Bot zu befreunden). Das Ziel ist hier dasselbe wie vorher, nur mit doppelter Wirkung. Erstens wird man, sobald man Mitglied dieser Gruppe ist, von ihr in der Timeline zugespamt mit AfD-Werbung, zweitens entsteht auch hier wieder dieses braune Gemeinsamkeitsgefühl der unterdrückten Mehrheit. Dabei darf natürlich permanenter Populismus und die Aufforderung zum Teilen nicht fehlen. Immerhin sind ja „so viele gegen – hier Thema der Wahl einfügen – und die da oben sehen es nicht“.

Worauf die AfD hier setzt, ist die Funktionalität von Social Media. Wer auf Facebook je Werbung geschaltet hat, weiß, dass eine bezahlte Aktion immer einen Teil organische Reaktionen nach sich zieht. Das bedeutet, der Post trägt sich weiter, ohne dass man dafür etwas tun muss. Sie generieren also neue Kommentatoren (diesmal echte), mehr Gefolge und vor allem eine breitflächige Diskussion ihrer „Themen“ – und das sogar auf Seiten, die zum Teil völlig themenfremd sind. All diese Taktiken aktivieren bisher politisch unangetastetes Potential und richten sich vor allem an Wähler, die bisher wenig oder kein politisches Interesse hatten. Protest, Populismus und vor allem die Emotionalisierung von Themen lassen sich so wunderbar vermitteln – und erreichen ungeahnte Interaktionsraten.

Vorbild USA

Vor nicht allzu langer Zeit hat sich jeder gefragt, wie jemand wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden konnte – die Antwort liegt genau hier. Die Aktivierung unerschlossener Wählergruppen hat kein Politiker zuvor so gut umgesetzt. Dass dabei mit moralisch zweifelhaften Aussagen, populistischer Themenwahl und gezielt hetzerischer Sprache gearbeitet wurde, war nur Teil der Strategie. Gewinnen war oberste Priorität. Wie sinnhaft die Kommunikation politisch ist, war nur zweitrangig. Spätestens hier wird deutlich, dass die AfD sehr ähnlich arbeitet. Schließlich wird auch hier an jedem erdenklichen Rand gefischt. Wir stehen vor demselben Phänomen und die etablierten Parteien haben bisher keine Antwort gefunden oder wenigstens eine Möglichkeit, selber von diesen Effekten zu profitieren. Facebook, Twitter und Co. werden sich nie regulieren lassen, daher wird Abwarten wenig bringen und man überlässt der AfD ein breites Feld. Selbst wenn man die Plattformen dazu bringen kann, effizient und vor allem nachhaltig gegen die Veröffentlichung von Falschinformationen vorzugehen – was man durchaus bezweifeln kann – wird die Kontrolle auf Nutzerebene so gut wie unmöglich bleiben. Es würde bedeuten, dass ein ganzes Netzwerk auf egal welcher Seite moderiert werden müsste. Das umzusetzen, ist natürlich komplett unrealistisch.

Ein unterschätzter Effekt

Man vergisst es oft, doch die AfD ist im Bezug auf ihr Bestehen eine wahnsinnig junge Partei. Gerade einmal vier Jahre sind seit ihrer Gründung vergangen. Trotz einer größeren Vielfalt in unserem Parteiensystem im Vergleich zu den USA, war die deutsche Politiklandschaft jedoch ähnlich starr. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist es lediglich zwei Parteien gelungen, sich dauerhaft und mit entprechenden Ergebnissen zu etablieren – den Grünen und der Linken (ehemals PDS). Es bedurfte also bisher dem Aufstand der 68er-Generation gegen den Kalten Krieg und der Wiedervereinigung Deutschlands, um zwei politische Kräfte hervorzubringen. Glaubt also irgendwer wirklich, die AfD kommt innerhalb weniger Jahre auf mittlerweile (schätzungsweise) 10 Prozent in den Umfragen durch konventionelle Mittel? “Wahlkampfreden“ und Fähnchenschwenker vor pöbelndem Volk – das ist das Bild, das viele von den Veranstaltungen der AfD vor Augen haben. Doch denkt man einen Schritt weiter, erkennt man, dass diese Sichtweise der Tragweite der AfD-Kampagnen nicht annähernd gerecht wird. Wir reden hier immerhin über Millionen von Wählern, die anscheinend innerhalb so kurzer Zeit mobilisiert worden sind.

Die Digitalisierung der Welt macht auch vor der Politik nicht Halt und man sollte in Deutschland endlich aufhören, „Online“ als die große, böse Unbekannte zu sehen. Man wird die Entwicklung nicht aufhalten oder zurückdrehen können. Man kann sie nur nehmen wie sie ist und damit arbeiten. Man wird bei den etablierten Parteien nicht darum herumkommen, sich neue Wege suchen zu müssen. Bisher sind sie den Beweis schuldig geblieben, dass “Social” in Media verstanden zu haben. Es reicht eben nicht, auf einer Plattform, die zur Kommunikation geschaffen wurde, ein Bildchen mit einem Statement zu bewerben und sich weiter kaum zu kümmern. Die vielbeschworene “Basisarbeit” sieht heutzutage anders aus. Dass man das von der AfD lernen muss, ist dabei umso trauriger.

Das Einzige, was momentan jedem von uns übrigbleibt, ist: Geht wählen! Nur durch eine hohe Wahlbeteiligung wird es möglich sein, gegenzusteuern. Geht am Sonntag los und wählt eine Partei, die Lösungen – oder wenigstens Theorien – anbietet, und nicht auf Ausländerfeindlichkeit und Populismus beruht.

Es ist egal, welche.

Foto via Pixabay

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